Ein sanfter Sommerregen fiel auf den Miralumiwald. Die Tropfen glitzerten wie kleine Kristalle auf den Blättern, während der Wald leise rauschte. Überall duftete es nach feuchtem Moos, frischen Pilzen und wilden Kräutern.
Heute hatten Mira und Lumi beschlossen, am Waldsee ein Picknick zu machen. Schon am Morgen waren sie gemeinsam durch den Wald geflogen und hatten süße Brombeeren, Himbeeren, Äpfel und Honig gesammelt. Aus frischen Kräutern und kleinen Waldpilzen hatten sie einen leckeren Salat zubereitet.
Alles lag nun liebevoll auf einer riesigen Decke aus einem Ahornblatt ausgebreitet.Da es leicht regnete, hatten die beiden Feen aus großen Farnen und breiten Blättern ein kleines Dach gebaut. „Ich liebe dieses Geräusch“, sagte Mira lächelnd und lauschte. Das leise Prasseln des Regens. Das Rascheln der Blätter. Und das sanfte Platschen der Tropfen, die von den Ästen in den See fielen. Lumi nickte glücklich.„Im Regen draußen zu sitzen ist fast noch schöner als bei Sonnenschein.“
Gemütlich ließen sie sich ihr Picknick schmecken. Plötzlich spürte Mira einen kleinen Stups an ihrem Rücken. „Nebuli!“Die beiden Feen drehten sich um. Die flauschige Traumkatze schnurrte zufrieden, ließ sich ausgiebig kraulen und rollte sich schließlich zwischen den beiden zusammen. „Wo hast du denn Traumilo gelassen?“, fragte Lumi. Nebuli blinzelte nur verschmitzt mit einem Auge und deutete mit seinem Näschen nach Norden.
Keine zwei Herzschläge später hallte eine bekannte Stimme durch den Wald. „Neeeebuliii!“ Kurz darauf stolperte Traumilo zwischen den Farnen hervor. Sein blauer Umhang hing schief über der Schulter, und auf seinem Rücken trug er seinen großen Traumsack, aus dem geheimnisvoll funkelnde Lichter herausblitzten. „Ach herrje!“ Mit einem lauten Poltern blieb er an einer Wurzel hängen. Der Sack öffnete sich. Dutzende kleiner leuchtender Träume wirbelten wie bunte Glühwürmchen durch die Luft. „Nicht schon wieder!“ Nebuli sprang blitzschnell auf. Mit geschickten Pfötchen, seinem buschigen Schwanz und erstaunlicher Eleganz fing er einen Traum nach dem anderen wieder ein und schob sie zurück in den Sack.
Traumilo seufzte. „Heute ist das schon das dritte Mal.“ Mira musste schmunzeln. „Du solltest wirklich besser nach vorne schauen.“ „Ich versuche es ja“, jammerte Traumilo. „Aber ich erfinde zurzeit so viele neue Träume, dass mein Sack immer voller wird. Und je voller er ist, desto öfter verliere ich das Gleichgewicht.“
Nebuli warf ihm einen leicht vorwurfsvollen Blick zu, gähnte ausgiebig und rollte sich wieder zwischen Mira und Lumi zusammen. „Er ist bestimmt müde“, sagte Traumilo und kraulte ihn liebevoll hinter dem Ohr. „Er musste mir heute schon mehrmals helfen.“ „Dann setz dich doch zu uns“, sagte Mira. „Nach einem guten Essen sieht die Welt meistens schon viel freundlicher aus.“
Das ließ sich Traumilo nicht zweimal sagen. Er setzte sich schnaufend auf das Ahornblatt, nahm sich eine große Brombeere und biss genüsslich hinein. „Mmmh … ist die lecker!“ Gemeinsam saßen sie am Ufer des Waldsees und beobachteten, wie der Regen langsam nachließ.
Da schoben sich plötzlich die Wolken auseinander. Ein einzelner Sonnenstrahl fiel auf den See. Und im selben Augenblick erschien etwas Wunderschönes. Ein leuchtender Regenbogen spannte sich über das Wasser. Seine Farben spiegelten sich auf der glatten Oberfläche und ließen den ganzen See in Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Violett schimmern.
„Wie wunderschön!“, flüsterte Mira. „Zählt doch einmal alle Farben“, sagte Lumi begeistert. Gerade wollte Traumilo beginnen, da landete lautlos Eldra auf einem Ast über ihnen. Die weise Eule betrachtete den Regenbogen mit ihren großen goldenen Augen. „Wisst ihr eigentlich, wie ein Regenbogen entsteht?“ Sie erklärte den Freunden geduldig, wie Sonnenlicht in den Regentropfen gebrochen wird und dadurch die vielen Farben sichtbar werden.„Und einer alten Sage nach“, fügte sie schmunzelnd hinzu, „liegt dort, wo ein Regenbogen die Erde berührt, ein Schatz verborgen.“ Lumi riss die Augen auf. „Ein Schatz?“ Eldra lächelte. „Es ist nur eine Sage.“
Mit einem Flügelschlag erhob sie sich wieder in die Luft. „Ich wünsche euch einen wundervollen Tag.“Und schon verschwand sie zwischen den Baumwipfeln.
„Also ich glaube nicht an solche Geschichten“, meinte Traumilo. „Warum eigentlich nicht?“, fragte Lumi.„Warst du denn schon einmal am Ende eines Regenbogens?“ Traumilo kratzte sich am Kopf. „Nein…“ „Na also!“ Lumi sprang begeistert auf. „Lasst uns nachsehen!“
Beim Wort Abenteuer richtete Nebuli sofort seine Ohren auf. Sein Näschen schnupperte neugierig in die Luft. „Siehst du!“, lachte Lumi. „Sogar Nebuli ist dafür.“
Also liefen die vier am Ufer entlang. Doch egal, wie weit sie gingen …Der Regenbogen schien immer gleich weit entfernt zu bleiben.„Komisch“, murmelte Lumi. Traumilo nickte. „Eldra hat doch erklärt, dass ein Regenbogen eigentlich nur aus Licht besteht.“ Lumi verschränkte entschlossen die Arme. „Wenn sich jemand mit Licht auskennt, dann ich.“
Sie schloss die Augen. Zwischen ihren Händen entstand eine große, schimmernde Lichtkugel. Sie leuchtete in allen Farben des Regenbogens. „Licht…“, flüsterte Lumi. „Zeig uns den Weg.“
Die Kugel schwebte langsam davon. Die Freunde folgten ihr. Immer tiefer führte sie der geheimnisvolle Lichtschein durch den Wald. Bis plötzlich zwischen den Bäumen ein schmaler Holzsteg erschien. Er führte direkt hinaus auf den See. Genau dorthin, wo der Regenbogen das Wasser zu berühren schien. Dort leuchtete die Wasseroberfläche bunt und geheimnisvoll.
„Und jetzt?“, fragte Mira. „Wir können doch nicht einfach hineinfliegen.“ „Unsere Flügel werden ganz nass“, jammerte Lumi. Nebuli setzte sich demonstrativ hin, drehte ihnen den Rücken zu und begann, sein Fell zu putzen. „Typisch Katze“, lachte Mira. „Die meisten Katzen mögen schließlich kein Wasser.“ Traumilo seufzte. „Na schön…“Er zog seine Stiefel aus, legte Umhang und Traumsack auf den Steg und sprang mit einem lauten PLATSCH! ns Wasser.
Er tauchte tief hinab. Sekunden vergingen. Dann noch mehr. Mira wurde langsam unruhig. „Meinst du, alles ist in Ordnung?“ Gerade als Lumi antworten wollte, durchbrach Traumilo prustend die Wasseroberfläche.„Pffff …Da unten …ist tatsächlich …eine Kiste!“
Mit letzter Kraft schob er eine alte, moosbewachsene Truhe ans Ufer. Nachdem er sich abgetrocknet und wieder angezogen hatte, versammelten sich alle neugierig um die geheimnisvolle Kiste. „Na los!“, rief Lumi. „Mach sie auf!“Doch nichts geschah.
„Moment mal…“, sagte Mira. „Hier ist eine Vertiefung.“ Sie betrachteten sie genauer. „Ein Kleeblatt?“ „Nein…“„Das sieht eher aus wie…“ Noch bevor jemand den Satz beenden konnte, trat Nebuli zwischen ihnen hindurch.Ganz selbstverständlich legte er seine Pfote genau auf die Vertiefung.
Klick.Klack.
Langsam sprang die Truhe auf. Alle hielten den Atem an. Gold? Diamanten? Edelsteine?
Nichts davon.In der Truhe lagen ein Paar wunderschöne tiefblaue Schuhe. Sie waren weich wie Wolken und mit tausenden winzigen Sternen bestickt. „Die passen perfekt zu deinem Umhang!“, riefen Mira und Lumi gleichzeitig. „Probier sie an!“ Traumilo schaute die Schuhe skeptisch an. „Meint ihr wirklich?“ „Was soll schon passieren?“, grinste Lumi.
Also zog Traumilo vorsichtig seine alten Schuhe aus. Er schlüpfte in die Neuen.
Kaum stand er auf…hob er langsam vom Boden ab. „Hilfe!“ Erschrocken ruderte er mit den Armen. Nebuli sprang sofort auf seine Schulter. Ganz ruhig schnurrte er ihm ins Ohr. Langsam wurde Traumilo ruhiger. Und tatsächlich…schwebte er sanft wieder nach unten. „Ich glaube es nicht…“ flüsterte er. „Ich kann fliegen…nein…ich kann schweben!“
Vorsichtig machte er die ersten Schritte. Oder besser gesagt… die ersten Schwebeschritte.
Ganz sanft glitt er wenige Zentimeter über den Waldboden. Keine Wurzel konnte ihn mehr stolpern lassen. Kein Stein hielt ihn auf.
„Wir haben wirklich einen Schatz gefunden!“, jubelte Lumi. „Mit diesen Schuhen verliere ich bestimmt nie wieder meine Träume“, lachte Traumilo glücklich. Mira grinste. „Vielleicht nicht.“ „Aber wenn du weiterhin nur nach unten schaust, stößt du dir irgendwann noch den Kopf an einem Ast.“ Alle mussten lachen. Sogar Nebuli schnurrte so laut, dass sein kleines Bäuchlein vibrierte. Noch lange schwebte Traumilo lachend über den Waldboden, während Mira, Lumi und Nebuli neben ihm herliefen.
Tief unten auf dem Grund des Waldsees beobachtete ein kleines geheimnisvolles Wesen alles mit einem zufriedenen Lächeln. Es freute sich von Herzen, jemandem eine solche Freude gemacht zu haben. Leise tauchte es davon. Hinüber zum anderen Ende des Sees. Zwischen schimmernden Wasserpflanzen verschwand es schließlich im geheimnisvollen Wald.
Heute hatte es etwas Gutes getan. Und manchmal…ist genau das der größte Schatz von allen.