Teil 1 – Die erste Flugstunde
Rami und Rudi waren mächtig stolz. Ganz dicht nebeneinander saßen sie am Rand ihres gemütlichen Nestes, hoch oben in der knorrigen, alten Eiche, und betrachteten zufrieden ihren Nachwuchs. Vier kleine Vogelköpfe ragten inzwischen aus dem Nest. Vier! Rami konnte es manchmal selbst kaum glauben. Aus jedem ihrer schönen Eier war ein gesundes Küken geschlüpft. Anfangs waren die vier winzig und zerbrechlich gewesen. Sie hatten kaum etwas anderes getan als schlafen, piepsen und ihre Schnäbel weit aufsperren. Inzwischen sah das ganz anders aus. Aus den kleinen Küken waren kräftige junge Vögel geworden. Ihr Gefieder war dicht und weich, ihre Flügel waren gewachsen und im Nest wurde es langsam ziemlich eng.

Und hungrig waren sie! Eigentlich waren sie immer hungrig. Rudi betrachtete die vier und seufzte zufrieden. „Bald müssen wir nicht mehr für diese ganze Meute Futter besorgen.“ Rami sah ihn von der Seite an. „Glaubst du das wirklich?“ In diesem Moment schnellten vier Köpfe nach oben. „HUNGER!“ Rami lachte. Rudi verdrehte die Augen. „Nein. Eigentlich glaube ich es nicht.“
Ihre vier Kinder hätten unterschiedlicher kaum sein können. Da war Mats. Mats war der Mutigste. Zumindest hielt Mats sich selbst dafür. Wenn irgendwo etwas Neues zu entdecken war, war Mats meistens schon unterwegs, bevor jemand überhaupt erklären konnte, worum es ging. „Erst machen, dann nachdenken!“, war offenbar sein Lebensmotto.

Rudi behauptete manchmal, Mats hätte den zweiten Teil dieses Satzes ohnehin noch nicht entdeckt. Dann gab es Knirps. Knirps war der Kleinste der vier Brüder. Was allerdings niemand erwähnen durfte. Schon gar nicht Mats. Denn sobald jemand das Wort „klein“ auch nur in einem Nebensatz benutzte, plusterte Knirps sein Gefieder auf, stellte sich auf die Zehenspitzen und erklärte, dass Größe überhaupt nichts darüber aussagte, was ein Vogel konnte.

Ludwig dagegen war der Ruhigste. Schon sehr früh hatte er angefangen zu singen. Während seine Brüder noch unverständliches Gepiepse von sich gegeben hatten, hatte Ludwig bereits kleine Tonfolgen ausprobiert. Manchmal saß er morgens am Nestrand, legte den Kopf schief und lauschte den Geräuschen des Miralumiwaldes. Dann versuchte er, sie nachzusingen.

Und dann war da Pieps. Nun ja. Bei Pieps hatten Rami und Rudi noch keine besondere Fähigkeit entdeckt. Aber das machte überhaupt nichts. Pieps war ein Schatz. Er war freundlich und aufmerksam, stritt selten und aß brav alles, was seine Eltern mitbrachten. Wenn seine Brüder sich um den dicksten Wurm zankten, wartete Pieps meistens einfach ab. Und er piepste. Ziemlich viel sogar. Also hieß er Pieps. Weil er piepste.

An diesem Morgen rückte Rami ihre Federn zurecht und sah ihre vier Kinder geheimnisvoll an. „Heute“, begann sie und machte eine kleine Pause, „ist ein ganz besonderer Tag.“ Vier Köpfe drehten sich zu ihr. „Warum?“, fragte Ludwig. „Gibt es besonders große Würmer?“, fragte Knirps. Mats sprang sofort auf. „Ich weiß es!“Natürlich wusste Mats es nicht. Aber das hatte ihn noch nie davon abgehalten, etwas zu behaupten. Rami lächelte. „Heute werden wir mit euren Flugstunden anfangen.“ Für einen winzigen Moment herrschte vollkommene Stille. Dann brach im Nest ein unglaublicher Jubel aus. „JAAAAA!“ „ENDLICH!“ „FLIEGEN!“ Mats sprang auf, plusterte sich gewaltig auf und streckte begeistert beide Flügel zur Seite. Dabei pikste er Knirps mitten ins Auge. „AUTSCH!“ Knirps taumelte zurück.„Pass doch auf!“ Mats schaute unschuldig. „Kann ich doch nichts dafür, dass du so klein bist.“

Knirps erstarrte. Ganz langsam drehte er den Kopf. „Was hast du gesagt?“ „Dass du so kl—“ „Ich geb dir gleich klein!“ Knirps stürzte sich auf ihn. Rudi schob sich geistesgegenwärtig zwischen seine beiden Söhne. „Halt! Flugstunde! Keine Ringkampf-Stunde!“ Rami musste lachen. „Wie ihr gerade eindrucksvoll beweist, wird dieses Nest tatsächlich langsam zu klein für vier große Vogelkinder.“ Knirps richtete sich sofort auf. „Große Vogelkinder“, wiederholte er zufrieden. Dann konnte es losgehen.
Rami hüpfte auf einen kräftigen Ast direkt neben dem Nest und breitete langsam ihre Flügel aus. „Schaut genau hin.“ Sofort wurde es still. Sogar Mats hörte zu. „Diese langen Federn außen an euren Flügeln nennt man Schwungfedern“, erklärte Rami. „Die sind inzwischen bei euch kräftig genug. Mit euren Flügelschlägen drückt ihr die Luft nach unten und könnt euch dadurch nach oben bewegen.“ Sie schlug kräftig mit den Flügeln und hob sich vom Ast.
„Ooooh!“, machten vier kleine Stimmen. Natürlich hatten sie ihre Mutter schon tausendmal fliegen sehen. Aber heute war es etwas anderes. Heute sollten sie es lernen. Rami glitt ein kleines Stück durch die Luft. „Ihr müsst aber nicht die ganze Zeit wie wild flattern“, erklärte Rudi. „Wenn ihr eure Flügel ausbreitet, kann die Luft euch tragen.“ Rami hielt die Flügel weit ausgebreitet und glitt ruhig dahin. „Zum Steuern helfen euch eure Flügel und eure Schwanzfedern.“ Sie neigte ihren Körper leicht und flog eine sanfte Kurve. „Und wie komme ich runter?“, fragte Knirps. „Das geht meistens von ganz alleine“, sagte Rudi schmunzelnd. „Die Kunst ist eher, dort unten anzukommen, wo man hinwill.“ Rami kam zurück. Kurz vor dem Ast stellte sie ihre Flügel etwas auf, spreizte die Schwanzfedern und streckte ihre Füße nach vorne. Sanft landete sie. „Beim Landen macht ihr euch langsamer und streckt rechtzeitig die Füße vor.“
Mats nickte wichtig. „Hab ich verstanden.“ Rudi sah ihn an. „Das bezweifle ich.“ „Darf ich jetzt?“ „Nur ganz kurz hoch und sofort wieder landen.“ Mats sprang auf den Nestrand. Er holte tief Luft, breitete die Flügel aus und flatterte los. Hoch! Ein kleines Stück nach vorne! Und – plumps! Mitten zurück ins Nest.
„ICH BIN GEFLOGEN!“„Du bist ungefähr so weit geflogen, wie ich groß bin“, bemerkte Knirps. Mats grinste. „Dann war es ja doch ziemlich weit.“ „He!“ Nun durfte Knirps. Dann Ludwig.Und schließlich Pieps.
Pieps stellte sich an den Nestrand. Er schluckte kurz. Aber Mama stand direkt neben ihm. Das Nest war unter ihm. Es konnte eigentlich nichts passieren. Er breitete die Flügel aus. Flatter, flatter. Für einen kurzen Augenblick waren seine Füße tatsächlich in der Luft. Dann landete er wieder. Sein Herz klopfte. Aber nicht unangenehm. Eher aufregend. „Sehr schön!“, lobte Rami. Pieps strahlte. Vielleicht war Fliegen wirklich gar nicht so schwierig.
„Und jetzt“, sagte Rudi, „fliegt ihr alle auf den Ast dort.“ Er zeigte auf einen kräftigen Ast direkt neben dem Nest. Mats war natürlich sofort unterwegs. Knirps folgte ihm. Ludwig landete erstaunlich elegant.
Pieps sah zu dem Ast. Nicht weit. Wirklich nicht weit. Er breitete die Flügel aus. Flatter, flatter, flatter – und da! Seine Krallen schlossen sich fest um die Rinde. Er saß auf dem Ast. Pieps schaute zurück zum Nest. Er war geflogen! Richtig geflogen! Ein stolzes, warmes Gefühl breitete sich in seiner kleinen Brust aus. „Gut gemacht!“, rief Rudi. Zurück ins Nest klappte es ebenfalls. Pieps war erleichtert. Vielleicht würde er genauso gut fliegen wie seine Brüder. Vielleicht sogar besser.
Doch dann zeigte Rudi auf einen anderen Baum. „Jetzt machen wir unseren ersten kleinen Ausflug.“ Pieps folgte seinem Blick. Der Baum stand ein gutes Stück entfernt. Plötzlich verschwand das warme Gefühl in seiner Brust. „Seht ihr den kräftigen Ast dort oben?“, fragte Rudi. „Dort treffen wir uns.“ Mats war begeistert. „Los!“ Rudi flog zuerst. Mats sofort hinterher. Dann Rami. Knirps zögerte einen winzigen Moment – so kurz, dass es kaum jemand bemerkte – und sprang ebenfalls. Ludwig folgte.
Pieps blieb allein zurück. Er sah zum anderen Baum. Der war weit weg. Sehr weit. Viel weiter als der kleine Ast eben. Pieps hüpfte an den Rand des Nestes. Und dann sah er nach unten. Sein Magen zog sich zusammen. Der Boden! War der schon immer so weit weg gewesen? Die Äste unter ihm wirkten plötzlich dünn und klein. Die Büsche darunter noch kleiner. Pieps wurde schwindelig. Was, wenn seine Flügel mitten in der Luft aufhörten zu funktionieren? Was, wenn er nicht genügend Kraft hatte? Was, wenn er den Ast verfehlte? Was, wenn er einfach fiel? „Komm schon, Pieps!“, rief Mats vom anderen Baum. Pieps machte einen Schritt nach vorne. Sein Herz klopfte schneller. Noch einen. Seine Krallen umklammerten den Nestrand. Er wollte. Wirklich. Er wollte genauso hinüberfliegen wie die anderen. Er breitete sogar die Flügel aus. Doch sein Körper machte einfach nicht mit. Sein Bauch fühlte sich an, als würde darin alles durcheinanderpurzeln. Seine Beine wurden ganz steif.
„Los!“, rief Mats. „Ist ganz einfach!“ Ganz einfach. Pieps schluckte. Für Mats vielleicht. Er stellte sich vor, wie er lossprang. Wie seine Flügel nicht kräftig genug schlugen. Wie er tiefer und tiefer sank. Wie Mats vom anderen Ast aus zusah. Was, wenn seine Brüder lachten? Was, wenn Mama und Papa enttäuscht waren? Sie waren doch gerade noch so stolz auf ihn gewesen. Nein. Er konnte nicht. Aber das konnte er unmöglich sagen. Da schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf. „Au!“ Rami drehte sofort um. „Pieps?“ Sie landete neben ihm. „Was ist passiert, mein Schatz?“ Pieps zog einen Flügel etwas an den Körper. „Mein … mein Flügel.“ „Was ist damit?“ „Der tut weh.“ Rami wurde sofort besorgt. „Wo?“ „Hier außen. Ich glaube … beim Schwungholen … da hat sich irgendetwas verhakt.“ Rami untersuchte vorsichtig seinen Flügel. Pieps bekam ein schlechtes Gewissen. „Hier?“ „Mmmh … ja.“ „Oh je.“ Rami strich ihm liebevoll über den Kopf. „Dann bleibst du natürlich hier. Mit einem schmerzenden Flügel wird nicht geflogen.“ Pieps nickte.
Erleichterung durchströmte ihn. Er musste nicht fliegen. Rami flog zurück zu den anderen. Pieps kuschelte sich tief ins Nest. Geschafft. Doch die Erleichterung hielt nicht lange an. Vom anderen Baum hörte er seine Brüder rufen und lachen. Vorsichtig lugte er über den Rand. Mats sauste zwischen zwei Ästen hin und her. Ludwig flog eine kleine Kurve. Knirps landete neben Rudi. Sie konnten es. Alle. Nur er saß hier. Pieps zog den Kopf zurück. Vielleicht war er wirklich ein Feigling.
Am Abend kamen alle aufgeregt zurück. Rami brachte Pieps einen besonders dicken Wurm mit, Rudi einen großen Käfer. Normalerweise hätte Pieps sich begeistert darauf gestürzt. Heute schmeckten beide nur halb so gut.

„Ich bin heute bestimmt zwanzigmal geflogen!“, verkündete Mats. „Bestimmt nicht zwanzigmal“, sagte Ludwig. „Mindestens!“ „Ich war höher als Mats“, sagte Knirps stolz. „Nur wegen einer Windböe!“ Pieps hörte schweigend zu. Rami nahm ihn unter ihren weichen Flügel. Sofort wurde ihm warm. Hier war es schön. Hier war es sicher. Warum konnte es nicht einfach immer so bleiben?
Am nächsten Morgen fragte Rudi: „Na, Pieps? Wie geht es deinem Flügel?“ Pieps bewegte ihn vorsichtig. Natürlich tat nichts weh. „Noch nicht so gut.“„Dann ruh dich noch einen Tag aus“, sagte Rami. Wieder flogen die anderen los. Pieps blieb zurück. Diesmal fühlte sich die Erleichterung schon viel kleiner an. Als seine Brüder am Nachmittag zurückkamen, konnten sie neue Dinge. Mats war zum ersten Mal durch eine schmale Lücke zwischen zwei Ästen geflogen. Ludwig hatte im Flug eine Mücke gefangen. Und Knirps war auf einem dünnen Zweig gelandet, der im Wind hin und her schwankte. Pieps hörte zu. Er freute sich für seine Brüder. Wirklich. Und trotzdem fühlte es sich in seinem Bauch schwer an. Sie wurden jeden Tag besser. Und er? Er saß im Nest.

Am nächsten Morgen fragte Rami wieder nach seinem Flügel. „Ein bisschen besser“, murmelte Pieps. „Vielleicht probierst du heute nur den kleinen Ast?“, schlug Rudi vor. Sofort war das Gefühl wieder da. Das Herzklopfen. Der flau werdende Bauch. Die Bilder in seinem Kopf. Fallen. Äste verfehlen. Unten auf dem Waldboden landen. Dort gab es Füchse und Marder. Katzen konnten klettern. Greifvögel flogen über den Baumwipfeln. Und wer wusste schon, was sonst noch alles auf einen kleinen Vogel wartete? „Nein“, sagte Pieps schnell. „Es tut noch zu weh.“ Und wieder blieb er zurück.
Mit jedem Tag wurde es schlimmer. Anfangs hatte Pieps nur Angst vor dem weit entfernten Baum gehabt. Inzwischen bekam er schon ein mulmiges Gefühl, wenn er nur an den kleinen Ast neben dem Nest dachte. Und zu der Angst vor dem Fliegen war noch etwas anderes gekommen. Seine Lüge. Wie sollte er jetzt noch die Wahrheit sagen? Übrigens, Mama, mein Flügel war die ganze Zeit gesund? Unmöglich. Dann wären sie bestimmt enttäuscht. Vielleicht sogar böse. Also schwieg Pieps.
Am Abend erzählten seine Brüder wieder von ihren Abenteuern. Mats redete am lautesten. Knirps behauptete, er könne inzwischen mindestens genauso gut fliegen wie Mats. Ludwig erzählte von den Geräuschen, die der Wind machte, wenn er an seinen Flügeln vorbeistrich. Pieps lächelte an den richtigen Stellen. Aber in ihm fühlte es sich ganz anders an. Später schliefen seine Brüder dicht aneinandergekuschelt im Nest. Rami und Rudi saßen auf einem Ast ganz in der Nähe.

Pieps war noch wach. Er blickte hinaus in den Miralumiwald. Zwischen den dunklen Blättern glitzerten kleine Lichter. Der Mond schimmerte silbern durch die Baumkronen. Der Ast neben dem Nest bewegte sich sanft im Abendwind. Früher war er Pieps ganz nah vorgekommen. Jetzt erschien selbst dieser Ast plötzlich weit entfernt. Pieps zog die Flügel eng um seinen Körper. Vielleicht morgen, dachte er. Morgen würde er sich trauen. Ganz bestimmt. Doch tief in seinem Bauch saß die Angst. Und irgendwie wusste Pieps:
Morgen würde sie wahrscheinlich noch ein kleines bisschen größer sein.
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