
Das Mondschiff
Mach es dir ganz gemütlich. Kuschle dich in deine Decke und lege deinen Kopf so auf dein Kissen, dass du dich richtig wohlfühlst. Schließe langsam deine Augen und atme tief ein und ganz ruhig wieder aus. Noch einmal ein und wieder aus. Spüre, wie dein Körper langsam zur Ruhe kommt. Deine Füße dürfen sich ausruhen, deine Beine werden ganz locker, dein Bauch hebt und senkt sich ruhig mit deinem Atem und deine Schultern dürfen loslassen. Alles, was heute war, darf für eine Weile warten.
Denn Traumilo hat heute etwas ganz Besonderes für dich vorbereitet. Er öffnet sein kleines Säckchen mit dem Traumstaub und nimmt eine winzige Prise zwischen seine Finger. Einmal pustet er darüber und schon schweben unzählige silberne Pünktchen durch die Dunkelheit. Einer landet auf deiner Nase, einer auf deiner Stirn und einer mitten auf deinem Herzen.
Plötzlich spürst du einen ganz leichten Wind. Als du dich umschaust, stehst du mitten auf der Sternenwiese im Miralumiwald. Über dir spannt sich der dunkle Nachthimmel. Der Mond leuchtet groß und rund über den Bäumen und rings um ihn funkeln unzählige Sterne.
Da hörst du ein helles Lachen. Zwischen den hohen Gräsern kommt Lumi auf dich zugelaufen. Sie sieht ganz aufgeregt aus und immer wieder schaut sie zum Himmel. „Komm schnell! Es wartet schon!“ Was wartet? Lumi verrät es nicht. Sie nimmt dich einfach an der Hand und führt dich über die Sternenwiese.
Am Ende der Wiese liegt etwas, das du hier noch nie gesehen hast. Eine schmale Treppe aus silbernem Licht. Sie beginnt direkt vor deinen Füßen und führt nach oben, mitten hinein in den Himmel. Lumi setzt vorsichtig einen Fuß auf die erste Stufe. Sie hält. Also steigst auch du hinauf. Eine Stufe, noch eine und noch eine. Je höher ihr steigt, desto kleiner wird der Miralumiwald unter euch. Bald könnt ihr den Sternensee sehen, der im Mondlicht glitzert. Ihr seht die alte Buche, den Eulenhain und die kleinen Wege, die sich zwischen den Bäumen hindurchschlängeln.
Schließlich erreicht ihr die letzte Stufe. Und dort wartet es: das Mondschiff. Sein Rumpf schimmert silbern und an seinem hohen Mast hängt ein großes, helles Segel. Überall am Schiff funkeln winzige Sterne. Eine schmale Brücke führt an Bord. Lumi hüpft sofort hinüber und du folgst ihr. Der Boden unter deinen Füßen fühlt sich warm und sicher an.
Das Mondschiff löst sich ganz langsam von der silbernen Treppe. Es schwankt nicht und es ruckelt nicht. Es gleitet einfach los. Ganz sanft. Unter euch liegen die Baumwipfel des Miralumiwaldes. Dann steigt das Schiff höher und höher, bis ihr zwischen den Sternen segelt. Der Nachtwind streicht ganz sanft über dein Gesicht. Du atmest tief ein. Hier oben fühlt sich alles weit an. Ganz frei. Du schaust zurück. Was heute vielleicht noch groß und wichtig erschien, liegt nun weit unter dir. Die kleinen Sorgen, der Ärger und die Dinge, über die du nachgedacht hast. Von hier oben sehen sie plötzlich ein bisschen kleiner aus. Du musst dich jetzt um nichts kümmern. Das Mondschiff kennt seinen Weg und Lumi ist bei dir.
Schon bald taucht vor euch etwas auf. Eine kleine Insel mitten im Himmel. Sie besteht aus weichem, grünem Gras und auf ihr wachsen Blumen, die im Dunkeln leuchten. Das Mondschiff hält direkt daneben und du und Lumi steigt aus. Als du über die Wiese gehst, öffnen sich die Blumen. Eine nach der anderen. Jedes Mal steigt ein kleiner Lichtfunke aus einer Blüte empor.
Lumi fängt einen davon vorsichtig mit beiden Händen. „Das sind schöne Erinnerungen“, flüstert sie. Vielleicht möchtest du auch eine Blüte berühren. Sofort erscheint ein kleines Licht und darin siehst du etwas Schönes, das du einmal erlebt hast. Vielleicht einen Menschen, mit dem du gerne zusammen bist. Vielleicht einen besonders schönen Tag, ein Lachen, eine Umarmung, ein Tier, einen Ort oder einen winzigen Moment, an den du schon lange nicht mehr gedacht hast. Du darfst dieses Bild einen Augenblick anschauen und vielleicht spürst du, wie sich etwas Warmes in deinem Herzen ausbreitet. Dann steigt das Licht langsam in den Himmel und wird zu einem neuen Stern.
Ihr geht zurück zum Mondschiff und die Reise geht weiter. Bald segelt ihr durch ein Meer aus weichen Wolken. Sie liegen unter euch wie riesige weiße Kissen. Lumi streckt eine Hand über die Reling und fährt durch eine Wolke. Ein kleiner Wolkenzipfel bleibt an ihrer Hand hängen. Sie pustet dagegen und der Wolkenzipfel fliegt direkt auf ihre Nase. Vielleicht musst du ein bisschen lachen.
Vor euch erscheint nun ein riesiger Regenbogen. Aber dieser Regenbogen steht nicht am Himmel. Er ist ein Weg. Das Mondschiff gleitet direkt darauf. Über Rot, über Orange, über Gelb, über Grün, über Blau und über Violett. Mit jeder Farbe kannst du etwas abgeben, das du heute nicht mehr brauchst. Vielleicht einen Gedanken, eine kleine Sorge, einen Ärger oder einfach die Unruhe des Tages. Du musst nicht wissen, wohin sie verschwinden. Der Regenbogen nimmt sie mit. Mit jeder Farbe wird es ein bisschen stiller in dir.
Schließlich liegt vor euch der schönste Ort der ganzen Reise: der Mond. Doch als ihr näher kommt, entdeckst du, dass auf seiner Rückseite ein kleiner geheimer Garten liegt. Ein Garten, den man von der Erde aus niemals sehen kann. Hier wachsen silberne Gräser und kleine Sternenblumen. Mitten im Garten steht ein riesiges, weiches Bett aus Mondwolken.
Lumi läuft hinüber und lässt sich hineinfallen. Fast verschwindet sie darin. Du legst dich neben sie. Wie weich es ist. Die Mondwolken schmiegen sich um deinen Körper. Dein Kopf liegt ganz weich, dein Rücken darf sich entspannen, deine Arme werden schwer und deine Beine werden schwer. Über dir funkeln die Sterne. Ganz weit entfernt kannst du das silberne Mondschiff sehen. Es wartet geduldig auf euch. Aber heute müsst ihr nicht mehr zurücksegeln. Traumilo weiß schließlich, wo du bist. Und er kennt alle Wege durch die Nacht.
Lumi kuschelt sich in ihre Wolke. Auch sie wird ganz still. Du atmest langsam ein und wieder aus. Du spürst dein Bett wieder unter dir, dein Kissen und deine Decke. Doch ein kleines bisschen bist du vielleicht noch immer dort oben, im geheimen Garten hinter dem Mond, wo nichts von dir verlangt wird, wo du nirgendwohin musst und wo du einfach sein darfst.
Das Mondschiff wartet draußen zwischen den Sternen. Vielleicht nimmt es dich in einer anderen Nacht wieder mit zu einem Ort, den du heute noch gar nicht kennst. Aber jetzt darfst du schlafen. Traumilo passt auf deine Träume auf und das Mondschiff segelt ganz leise weiter durch die Nacht. Gute Nacht.
