
Nebulis warmer Platz
Mach es dir ganz gemütlich und kuschle dich in deine Decke. Lege deinen Kopf bequem auf dein Kissen und schließe langsam deine Augen. Atme tief ein und ganz ruhig wieder aus. Noch einmal ein und wieder aus. Spüre, wie dein Körper langsam zur Ruhe kommt. Deine Füße dürfen sich entspannen, deine Beine werden locker und auch deine Schultern dürfen alles loslassen, was sie heute noch festgehalten haben. Du musst jetzt nichts mehr tun.
Traumilo öffnet ganz vorsichtig sein kleines Säckchen mit dem Traumstaub. Er nimmt eine winzige Prise zwischen seine Finger und pustet sie in die Nacht. Die silbernen Pünktchen schweben zu dir herüber und plötzlich stehst du auf Nebulis Sternenwiese mitten im Miralumiwald.
Über dir leuchten Mond und Sterne. Das Gras bewegt sich sanft im Nachtwind und zwischen den Halmen funkeln kleine Blüten. Du möchtest Nebuli besuchen. Doch heute ist er nirgendwo zu sehen.
Du gehst langsam über die Sternenwiese und suchst zwischen den hohen Gräsern. Du schaust unter den großen Farnen nach und gehst sogar zu Nebulis Lieblingsplatz am Rand der Wiese. Aber Nebuli ist nicht da.
Vielleicht fühlt sich die Wiese ohne ihn plötzlich ein kleines bisschen leer an. Eben warst du dir noch sicher, dass du ihn gleich finden würdest. Nun stehst du dort und weißt nicht genau, wo du noch suchen sollst.
Du gehst ein Stück weiter. Am Rand der Wiese stehen einige alte Bäume. Ihre dicken Wurzeln ragen aus der Erde und bilden kleine Höhlen und geschützte Plätze. Zwischen den Wurzeln eines besonders großen Baumes entdeckst du plötzlich etwas Silbernes.
Da ist Nebuli.
Ganz zusammengerollt liegt er im weichen Moos. Sein Fell schimmert im Mondlicht und sein langer Schwanz liegt dicht an seinem Körper. Er sieht so gemütlich aus, dass du am liebsten sofort zu ihm möchtest.
Nebuli hebt den Kopf und schaut dich an.
Er steht nicht auf. Er läuft dir nicht entgegen. Und er sagt natürlich auch nichts. Nebuli braucht keine Worte.
Er schaut dich einfach einen Moment lang an.
Dann rückt er ein kleines Stück zur Seite.
Genau so weit, dass neben ihm ein Platz frei wird.
Ein warmer Platz nur für dich.
Du setzt dich vorsichtig zu ihm. Das Moos unter dir ist weich und der große Baum schützt euch mit seinen Wurzeln und Ästen. Dann legst du dich neben Nebuli.
Sofort rückt er ein kleines bisschen näher.
Sein Fell berührt deinen Arm. Es ist weich und warm. Vielleicht legst du vorsichtig eine Hand auf seinen Rücken.
Kurz darauf hörst du es.
Nebuli beginnt zu schnurren.
Ganz tief und zufrieden.
Du kannst sein Schnurren vielleicht sogar unter deiner Hand spüren. Ein kleines, gleichmäßiges Brummen, das durch seinen Körper wandert.
Du atmest langsam ein und wieder aus.
Nebuli schnurrt.
Du atmest ein.
Nebuli bleibt.
Du atmest aus.
Und plötzlich merkst du, wie schön es sein kann, wenn jemand einfach da ist.
Niemand fragt dich, was heute passiert ist. Niemand möchte wissen, warum du vielleicht traurig, müde oder still bist. Niemand erwartet, dass du etwas erklärst.
Du musst überhaupt nichts sagen.
Du darfst einfach hier liegen.
Vielleicht gibt es manchmal Momente, in denen du jemanden vermisst. Oder Momente, in denen du dich allein fühlst, obwohl andere Menschen in deiner Nähe sind. Vielleicht weißt du dann selbst gar nicht genau, was du brauchst.
Manchmal braucht man keine Antwort.
Manchmal braucht man keinen guten Rat.
Manchmal braucht man einfach einen warmen Platz neben jemandem.
Nebuli rückt noch ein kleines bisschen näher an dich heran. Sein Schnurren wird ganz gleichmäßig. Vielleicht kannst du dir vorstellen, dass dieses warme Brummen langsam auch durch deinen Körper wandert. Von deinem Arm in deine Brust, von deiner Brust in deinen Bauch und von dort weiter bis in deine Beine und deine Füße.
Alles in dir darf ein bisschen weicher werden.
Über euch bewegen sich die Blätter des alten Baumes sanft im Wind. Zwischen den Zweigen kannst du den Mond sehen. Auf der Sternenwiese leuchten kleine Blumen und irgendwo weit entfernt ruft eine Eule.
Du bist hier nicht allein.
Vielleicht möchtest du jetzt an jemanden denken, bei dem du dich besonders wohlfühlst. An einen Menschen oder vielleicht auch an ein Tier. Du musst diesen Menschen jetzt nicht bei dir haben, um das warme Gefühl zu spüren, das entsteht, wenn du an ihn denkst.
Vielleicht gibt es in deinem Herzen auch so einen kleinen Platz.
Einen Platz für all diejenigen, die dir wichtig sind.
Und selbst wenn jemand einmal nicht neben dir sein kann, bleibt dieser Platz bestehen.
Nebuli hat inzwischen die Augen geschlossen. Er schnurrt noch immer. Du merkst, wie auch deine Augen immer schwerer werden. Deine Stirn entspannt sich, dein Mund wird ganz locker und deine Schultern sinken tiefer in dein weiches Bett. Deine Arme werden schwer und deine Beine dürfen sich vollständig ausruhen.
Traumilo hat euch natürlich längst gefunden. Doch als er sieht, wie gemütlich ihr zwischen den Wurzeln des alten Baumes liegt, kommt er gar nicht näher. Er lächelt nur und streut aus der Ferne eine winzige Prise Traumstaub über euch.
Nebulis Schnurren wird leiser und leiser.
Du spürst langsam wieder dein Bett unter dir. Dein Kissen trägt deinen Kopf und deine Decke liegt warm über deinem Körper.
Vielleicht fühlt es sich heute Nacht ein kleines bisschen so an, als wäre neben dir noch immer Nebulis warmer Platz.
Du musst nichts mehr erzählen. Du musst nichts erklären und nichts lösen.
Du darfst einfach da sein.
Warm. Geborgen. Und nicht allein.
Nebuli bleibt noch ein bisschen bei dir.
Und jetzt darfst du schlafen.
Gute Nacht.
