
Das Herzlicht
Mach es dir ganz gemütlich und schließe langsam deine Augen. Atme tief ein und ganz ruhig wieder aus. Noch einmal ein und wieder aus. Spüre, wie dein Körper langsam zur Ruhe kommt. Deine Füße dürfen sich entspannen, deine Beine werden locker und deine Schultern dürfen loslassen.
Traumilo kommt heute mit einem besonders sanften Traum zu dir. Er pustet ein wenig silbernen Traumstaub in die Dunkelheit und plötzlich stehst du gemeinsam mit ihm auf einer kleinen Lichtung im Miralumiwald.
Zwischen den Gräsern vor deinen Füßen entdeckst du etwas Goldenes. Du gehst näher und siehst ein winziges Licht. Vorsichtig hebst du es mit beiden Händen auf. Es fühlt sich warm an und leuchtet wunderschön.
Doch als du dich umschaust, entdeckst du in der Ferne andere Lichter. Eines ist größer als deines. Ein anderes leuchtet viel heller. Eines funkelt in wunderschönen Farben und noch eines schwebt hoch über den Bäumen.
Du schaust wieder auf dein eigenes kleines Licht.
Plötzlich erscheint es dir gar nicht mehr so besonders. Es wirkt klein und sein Leuchten wird schwächer.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl. Jemand kann etwas besonders gut und plötzlich denkst du nur noch daran, was du selbst nicht kannst. Jemand ist schneller, mutiger, lauter oder kann etwas, das du auch gerne könntest. Manchmal schauen wir so lange auf das Licht der anderen, dass wir unser eigenes kaum noch sehen.
Traumilo setzt sich neben dich. Er schaut nicht zu den anderen Lichtern. Er schaut nur auf das kleine Licht in deinen Händen.
„Vielleicht hast du gerade vergessen, was darin steckt.“
Er bittet dich, an etwas zu denken, das du gerne machst. Vielleicht kannst du wunderschön malen, schnell rennen, Tiere beobachten, Geschichten erfinden, bauen, singen, tanzen oder jemanden zum Lachen bringen. Vielleicht fällt dir etwas ganz anderes ein.
In diesem Moment wird dein Licht ein kleines bisschen heller.
Traumilo fragt dich, wann du einmal besonders freundlich gewesen bist. Vielleicht hast du jemanden getröstet. Vielleicht hast du etwas geteilt, einem Tier geholfen oder jemanden gefragt, ob er mitspielen möchte.
Das Licht wird wärmer.
Nun denkst du an jemanden, der dich sehr gernhat. Was mag dieser Mensch vielleicht besonders an dir? Dein Lachen? Deine verrückten Ideen? Deine Umarmungen? Deine Neugier? Vielleicht die Art, wie du zuhörst oder wie du dich um andere kümmerst.
Das goldene Licht in deinen Händen wird immer heller. Sein warmer Schein fällt auf dein Gesicht, auf deine Arme und auf deine Brust.
Du bemerkst plötzlich, dass die anderen Lichter noch immer da sind. Sie leuchten genauso schön wie vorher. Aber deines muss gar nicht so sein wie sie.
Ein Stern versucht schließlich auch nicht, der Mond zu sein. Eine Sonnenblume muss keine Rose werden. Und Lumi würde niemals versuchen, Nebuli zu sein.
Du bist du.
Und genau deshalb darf dein Licht anders leuchten als jedes andere.
Du hältst das kleine goldene Licht an deine Brust. Ganz langsam gleitet es hinein. Dort breitet sich seine Wärme aus. Vielleicht kannst du sie in deinem Herzen spüren. Vielleicht in deinem Bauch. Vielleicht möchtest du einfach ein kleines bisschen lächeln.
Es wird Tage geben, an denen du dein Herzlicht ganz deutlich spürst. Und es wird vielleicht Tage geben, an denen du wieder vergisst, wie viel Schönes in dir steckt. Dann ist dein Licht trotzdem noch da. Es wartet nur darauf, dass du wieder hinschaust.
Traumilo begleitet dich langsam zurück. Du spürst dein Bett unter dir und dein weiches Kissen unter deinem Kopf. Lege vielleicht für einen Moment deine Hand auf deine Brust. Dort ist ein Platz für alles, was dich zu dir macht. Für das, was du schon kannst. Für das, was du noch lernen wirst. Für deine kleinen Eigenheiten, deine Ideen und all die Dinge, die andere Menschen an dir mögen.
Du musst heute niemand anderes sein. Du musst nicht heller leuchten als irgendjemand. Dein eigenes Licht reicht vollkommen aus.
Jetzt darfst du die Augen geschlossen lassen und schlafen. Dein Herzlicht bleibt bei dir. Gute Nacht.
