Die Brücke aus Mondlicht

Mach es dir bequem und schließe deine Augen. Atme langsam ein und wieder aus. Spüre, wie dein Bauch sich hebt und senkt. Deine Hände dürfen locker werden, deine Beine dürfen sich ausruhen und auch dein Kopf muss für heute nichts mehr herausfinden. Traumilo nimmt eine kleine Prise seines silbernen Traumstaubs und pustet sie sanft zu dir herüber. Einen Augenblick später stehst du neben ihm im Miralumiwald.

Ihr geht gemeinsam durch die Nacht, bis ihr an einen breiten Bach kommt. Das Wasser glitzert im Mondlicht und plätschert leise über die Steine. Du möchtest auf die andere Seite, doch weit und breit ist keine Brücke zu sehen. Du schaust nach links. Keine Brücke. Du schaust nach rechts. Auch dort ist keine. „Wie sollen wir denn da hinüberkommen?“, fragst du dich.

Da fällt ein heller Mondstrahl auf das Wasser. Direkt vor deinen Füßen erscheint plötzlich eine einzelne silberne Stufe. Mehr nicht. Dahinter ist nur das dunkle Wasser. Du wartest darauf, dass der Rest der Brücke erscheint. Aber nichts geschieht. „Ich kann doch nicht weitergehen, wenn ich nicht weiß, wo die Brücke hinführt“, denkst du vielleicht.

Traumilo schaut auf die leuchtende Stufe. „Vielleicht musst du das noch gar nicht wissen.“ Vorsichtig setzt du einen Fuß darauf. Sie trägt dich. Dann stellst du auch den anderen Fuß dazu. Sofort erscheint vor dir eine zweite Stufe aus Mondlicht. Du machst einen weiteren Schritt und eine dritte erscheint. Immer erst dann, wenn du den vorherigen gegangen bist.

Langsam verstehst du das Geheimnis der Mondbrücke. Sie zeigt niemals den ganzen Weg. Sie zeigt dir immer nur das Stück, das du gerade brauchst. Schritt für Schritt gehst du über das Wasser. Manchmal bleibst du kurz stehen. Dann hörst du unter dir den Bach rauschen und spürst vielleicht ein kleines Kribbeln im Bauch. Aber du weißt inzwischen: Du musst noch nicht wissen, wie viele Stufen kommen. Du brauchst nur die nächste.

Vielleicht gibt es auch bei dir etwas, bei dem du gerne schon vorher wüsstest, wie alles ausgeht. Ob etwas klappt. Ob du etwas schaffst. Wie es an einem neuen Ort sein wird. Ob du jemanden kennenlernen wirst. Manchmal können wir das noch nicht wissen. Aber wir können schauen, welcher kleine Schritt jetzt vor uns liegt.

Schließlich setzt du deinen Fuß auf weiches Gras. Du bist auf der anderen Seite angekommen. Erst jetzt drehst du dich um. Hinter dir liegt eine wunderschöne silberne Brücke über dem Wasser. All die einzelnen Stufen, die vorher niemals gleichzeitig zu sehen waren, leuchten nun zusammen im Mondlicht.

Traumilo lächelt. „Manche Wege entstehen erst, während wir sie gehen.“ Du schaust noch einmal auf die Brücke. Dieses Bild darfst du mitnehmen. Wenn du einmal vor etwas Neuem stehst und noch nicht weißt, wie du alles schaffen sollst, musst du nicht den ganzen Weg kennen. Suche nur nach deiner nächsten kleinen Mondstufe.

Nun wird das Bild langsam blasser. Du spürst wieder dein Bett, dein Kissen und deine warme Decke. Dein Atem geht ruhig ein und aus. Für heute gibt es keinen nächsten Schritt mehr. Heute bist du angekommen. Jetzt darfst du schlafen. Gute Nacht.

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