Die leuchtende Mondblume

Mach es dir ganz gemütlich. Kuschle dich in deine Decke und lege deinen Kopf bequem auf dein Kissen. Du musst jetzt nichts mehr tun. Dieser Tag ist vorbei und alles, was heute passiert ist, darf langsam leiser werden. Schließe deine Augen und atme einmal tief ein und ganz langsam wieder aus. Noch einmal ein und wieder aus. Spüre, wie dein Bauch sich beim Einatmen ein kleines bisschen hebt und beim Ausatmen wieder senkt.

Traumilo ist schon da. Ganz vorsichtig öffnet er sein kleines Säckchen und lässt ein wenig silbernen Traumstaub zwischen seinen Fingern hindurchrieseln. Die winzigen Körnchen schweben durch die Luft. Sie glitzern, drehen sich und eines nach dem anderen verschwindet in der Dunkelheit. Als du deine Augen in deiner Vorstellung wieder öffnest, liegst du mitten im Miralumiwald. Du bist auf Nebulis Sternenwiese.

Über dir ist der Nachthimmel tief und dunkelblau. Zwischen den Baumwipfeln leuchten die Sterne und der Mond wirft sein sanftes Licht auf die Wiese. Du liegst auf einem weichen Bett aus Moos. Spüre einmal, wie weich es ist. Vielleicht kannst du mit deinen Fingerspitzen darüberstreichen. Das Moos kitzelt ein kleines bisschen an deinen Händen. Du bewegst deine Zehen und auch unter deinen Füßen kannst du das weiche Moos spüren. Es ist angenehm kühl. Ganz vorsichtig drückst du deine Füße hinein. Das Moos gibt ein kleines bisschen nach. Dann lässt du wieder locker.

Auch deine Hände dürfen ganz locker werden. Deine Finger, deine Arme und deine Schultern dürfen sich entspannen. Dein Rücken liegt sicher auf dem weichen Boden. Du musst dich nicht festhalten. Die Wiese trägt dich. Dein Kopf darf schwer werden, deine Beine dürfen schwer werden und dein ganzer Körper liegt ruhig und bequem. Du atmest ein und wieder aus.

Über dir bewegen sich die Zweige der Bäume ganz sanft im Wind. Hin und her. Hin und her. Du hörst das leise Rascheln der Blätter. Vielleicht hörst du irgendwo eine Grille zirpen. Sonst ist es ganz still.

Du blinzelst einmal und plötzlich bemerkst du etwas neben dir. Zwischen dem grünen Moos wächst eine Blume. Eine wunderschöne rote Blume. Du bist dir ganz sicher, dass sie eben noch nicht dort gewesen ist. Ihre Blütenblätter sind tiefrot und in ihrer Mitte leuchtet ein winziger goldener Punkt. Du schaust genauer hin. Die Blume leuchtet tatsächlich. Nicht hell wie eine Lampe, sondern ganz sanft. Fast so, als würde sie das Mondlicht sammeln und von innen heraus wieder abgeben.

Der Wind bewegt ihre Blütenblätter. Ganz langsam neigt sie sich zu einer Seite und wieder zurück. Zur anderen Seite und wieder zurück. Du beobachtest sie eine Weile und ohne dass du etwas dafür tun musst, wird dein Atem genauso ruhig wie ihre Bewegung. Die Blume bewegt sich und du atmest ein. Die Blume bewegt sich zurück und du atmest aus.

Du rückst ein kleines bisschen näher an die Mondblume heran. Vorsichtig beugst du dich zu ihr und riechst an ihrer Blüte. Sie duftet süß, aber ganz zart. Vielleicht ein bisschen nach warmem Honig, vielleicht nach Beeren oder vielleicht erinnert dich ihr Duft an etwas ganz anderes. An etwas Schönes.

Du atmest den Duft langsam ein. Während du das tust, bemerkst du etwas. Dort, wo dein Atem in deinen Körper hineinfließt, breitet sich eine angenehme Wärme aus. Zuerst in deiner Brust, dann in deinem Bauch. Ganz langsam wandert sie weiter bis in deine Arme, in deine Hände und Fingerspitzen, in deine Beine und bis in deine Füße.

Du atmest wieder aus und mit deinem Ausatmen darf etwas anderes deinen Körper verlassen. Vielleicht noch ein bisschen Unruhe. Vielleicht ein Gedanke, der immer wieder zurückgekommen ist. Vielleicht etwas, das heute nicht so schön war. Du musst gar nicht darüber nachdenken. Atme einfach aus. Die Nacht nimmt es mit.

Wieder atmest du den süßen Duft der Mondblume ein. Ruhe hinein und langsam wieder aus. Unruhe hinaus. Noch einmal. Ruhe hinein und alles, was du jetzt nicht mehr brauchst, hinaus.

Die rote Mondblume beginnt ein kleines bisschen heller zu leuchten. Vielleicht hat sie bemerkt, dass du ruhiger geworden bist. Du legst eine Hand auf deinen Bauch und spürst, wie er sich hebt und senkt. Du bist hier. Du liegst ganz sicher auf der weichen Sternenwiese. Unter dir ist das Moos, über dir sind Mond und Sterne und neben dir leuchtet die rote Blume. Genau jetzt musst du nirgendwo anders sein. Du musst nichts schaffen. Du musst nichts wissen. Du musst nichts richtig machen. Für diesen Moment reicht es vollkommen, einfach hier zu liegen, einzuatmen, auszuatmen und da zu sein.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl, wenn plötzlich alles gut ist, genauso wie es gerade ist. Nicht aufregend. Nicht riesengroß. Einfach angenehm, warm, ruhig und zufrieden. Genau dieses Gefühl trägt die Mondblume in ihrem roten Leuchten.

Während du sie ansiehst, stellst du dir vor, dass ein winziger roter Lichtfunke aus ihrer Blüte aufsteigt. Er schwebt langsam zu dir herüber. Immer näher, bis er ganz sanft auf deinem Bauch landet. Dort bleibt er liegen. Warm und ruhig. Wie ein winziges Licht in dir. Vielleicht kannst du es sogar spüren.

Dieses kleine Licht darfst du behalten. Du kannst jederzeit wieder daran denken. Wenn dein Kopf einmal ganz voll ist, wenn du unruhig bist oder wenn du einfach einen Moment Ruhe brauchst. Dann kannst du in Gedanken wieder hierherkommen. Auf Nebulis Sternenwiese. Du kannst das Moos unter deinen Händen spüren, den Wind hören, die rote Mondblume sehen und langsam einatmen und wieder ausatmen.

Jetzt wird auch die Blume müde. Ganz langsam neigt sie ihre Blütenblätter zueinander. Ein Blatt nach dem anderen schließt sich. Auch die Blumen im Miralumiwald müssen irgendwann schlafen. Ihr rotes Leuchten wird schwächer und schwächer, bis nur noch ein kleiner warmer Schimmer zwischen den Blütenblättern zu sehen ist.

Du legst deinen Kopf wieder zurück ins weiche Moos. Auch deine Augen werden schwer. Deine Stirn ist ganz entspannt, dein Mund ist locker und deine Schultern ruhen. Deine Arme sind schwer und deine Hände ganz still. Deine Beine ruhen und deine Füße müssen heute keinen einzigen Schritt mehr gehen. Du atmest ruhig ein und wieder aus.

Ganz in deiner Nähe hörst du plötzlich ein vertrautes leises Schnurren. Nebuli ist gekommen. Du musst nicht einmal nachsehen. Du weißt, dass er da ist. Er rollt sich irgendwo neben dir im Moos zusammen. Während die rote Mondblume neben euch schläft, wacht der Mond über die Sternenwiese und Traumilo nimmt die letzten Gedanken des Tages und verwandelt sie in Träume.

Du darfst jetzt einfach liegen bleiben. Warm, ruhig und zufrieden. Und vielleicht bemerkst du gar nicht mehr, wann die Sternenwiese verschwindet und dein Traum beginnt. Schlaf schön. Gute Nacht.

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