Regen der Hoffnung

Regen der Hoffnung

Mach es dir ganz gemütlich und kuschle dich in deine Decke. Lege deinen Kopf bequem auf dein Kissen und schließe langsam deine Augen. Atme tief ein und ganz ruhig wieder aus. Noch einmal ein und wieder aus. Spüre, wie dein Körper langsam zur Ruhe kommt. Deine Füße dürfen sich entspannen, deine Beine werden locker und auch deine Schultern dürfen alles loslassen, was sie heute noch festgehalten haben. Du musst jetzt nichts mehr tun.

Traumilo ist schon da. Ganz vorsichtig öffnet er sein kleines Säckchen mit dem Traumstaub und lässt ein paar silberne Körnchen durch seine Finger rieseln. Sie schweben durch die Dunkelheit, drehen sich im Kreis und glitzern noch einmal hell auf. Als du deine Augen in deiner Vorstellung wieder öffnest, stehst du mitten im Miralumiwald.

Heute sieht der Wald ein bisschen anders aus. Über den Baumwipfeln hängen dicke graue Wolken. Kein Mond ist zu sehen und auch die Sterne haben sich dahinter versteckt. Die Blätter an den Bäumen bewegen sich im Wind und irgendwo in der Ferne hörst du ein leises Grollen. Traumilo steht neben dir und schaut hinauf zum Himmel.

Da fällt der erste Regentropfen. Er landet auf einem Blatt direkt vor dir. Dann kommt ein zweiter. Ein dritter. Schon bald beginnt es überall im Miralumiwald zu regnen. Traumilo führt dich zu einem großen alten Baum. Seine weit ausladenden Äste bilden ein dichtes Dach und darunter findet ihr einen trockenen, geschützten Platz.

Ihr setzt euch ins weiche Moos und schaut hinaus in den Regen. Die Tropfen fallen auf die Blätter, laufen an Grashalmen hinunter und sammeln sich in kleinen Pfützen auf dem Waldweg. Du hörst ihnen eine Weile zu. Plitsch. Platsch. Tropf. Tropf. Überall klingt der Wald anders als sonst.

Vielleicht gibt es auch bei dir manchmal Tage, die sich ein bisschen wie Regen anfühlen. Tage, an denen etwas nicht so geklappt hat, wie du es dir gewünscht hast. Tage, an denen du auf etwas wartest. Vielleicht hast du dir etwas ganz fest vorgenommen und weißt noch nicht, ob es gelingen wird. Manchmal wünschen wir uns, dass wir schon heute wissen könnten, was morgen passiert.

Traumilo streckt seine Hand unter den Regen und fängt einen Tropfen auf. Der kleine Tropfen liegt in seiner Handfläche und glänzt wie eine winzige Perle. Dann zeigt Traumilo auf den Waldboden. Dort, zwischen zwei Steinen, steckt ein winziger grüner Keim. Er ist kaum größer als dein kleiner Finger.

Der Regen fällt auf ihn. Tropfen für Tropfen. Du schaust genauer hin. Der kleine Keim bewegt sich im Wind, aber er bleibt stehen. Noch kannst du nicht erkennen, was einmal aus ihm werden wird. Vielleicht eine Blume. Vielleicht ein kleiner Farn. Vielleicht etwas ganz anderes.

Traumilo lächelt. „Er weiß es selbst noch nicht.“

Du schaust auf den kleinen Keim. Er muss heute noch keine große Pflanze sein. Er muss noch keine Blüte tragen. Er braucht nur Wasser, ein bisschen Licht und Zeit.

Vielleicht ist Hoffnung manchmal genauso. Sie bedeutet nicht, dass wir schon wissen, dass alles genauso kommen wird, wie wir es uns wünschen. Hoffnung kann auch nur ein winziger Gedanke sein, der sagt: Vielleicht wird es gut. Vielleicht finde ich einen Weg. Vielleicht kann morgen etwas anders sein als heute.

Während ihr dort sitzt, wird der Regen langsam schwächer. Die Tropfen fallen nicht mehr so dicht. Zwischen den Wolken erscheint ein heller Streifen. Erst ganz schmal, dann immer breiter. Ein einzelner Sonnenstrahl fällt mitten in den Miralumiwald.

Er trifft auf die Regentropfen in der Luft.

Und plötzlich erscheint zwischen den Bäumen ein Regenbogen.

Ganz sanft beginnt er mit Rot. Dann folgen Orange, Gelb, Grün, Blau und Violett. Die Farben leuchten über dem nassen Wald. Auf den Blättern glitzern Tausende kleine Tropfen und für einen Moment sieht es aus, als hätte jemand überall winzige Edelsteine verteilt.

Du gehst mit Traumilo unter dem Baum hervor. Die Luft riecht frisch und kühl. Du atmest tief ein. Vielleicht fühlt sich auch in deinem Bauch etwas ein kleines bisschen leichter an.

Ihr geht noch einmal zu dem winzigen grünen Keim. Auf seinem kleinsten Blatt liegt ein Regentropfen. Darin spiegelt sich der Regenbogen.

Du weißt noch immer nicht, was aus der kleinen Pflanze werden wird. Aber das musst du auch gar nicht wissen.

Manche schönen Dinge brauchen Zeit.

Vielleicht gibt es gerade auch in deinem Leben etwas, von dem du noch nicht weißt, wie es ausgehen wird. Dann kannst du dir diesen kleinen Keim vorstellen. Du musst heute noch nicht die Antwort kennen. Vielleicht reicht für heute ein winziger Gedanke: Es kann noch etwas Schönes wachsen.

Traumilo nimmt einen kleinen Tropfen vom Blatt. In seiner Hand verwandelt er sich in einen winzigen silbernen Lichtpunkt. Er pustet ihn vorsichtig zu dir herüber und das Licht landet warm auf deiner Brust. Dort darf deine kleine Hoffnung bleiben.

Du spürst langsam wieder dein Bett unter dir. Dein Kopf liegt weich auf deinem Kissen und deine Decke liegt warm über deinem Körper. Deine Beine dürfen schwer werden und deine Arme ganz locker. Du atmest ruhig ein und wieder aus.

Im Miralumiwald ziehen die letzten Regenwolken weiter. Der kleine Keim steht noch immer zwischen den Steinen und über ihm leuchtet der Regenbogen. Was morgen aus ihm wird, weiß heute noch niemand. Aber er hat Zeit. Und du auch.

Jetzt darfst du schlafen. Traumilo passt auf deinen kleinen Hoffnungsschimmer auf. Gute Nacht.

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