
Mach es dir ganz gemütlich und kuschle dich so hin, wie es sich für dich am schönsten anfühlt. Schließe langsam deine Augen. Atme tief ein und ganz ruhig wieder aus. Noch einmal ein und wieder aus. Spüre, wie dein Körper langsam zur Ruhe kommt. Deine Füße dürfen sich entspannen, deine Beine werden ganz locker, dein Bauch hebt und senkt sich ruhig mit deinem Atem und deine Schultern dürfen loslassen. Für heute musst du nichts mehr tun.
Denn Traumilo wartet schon auf dich. Ganz vorsichtig öffnet er sein kleines Säckchen mit dem Traumstaub. Er nimmt eine winzige Prise davon zwischen seine Finger und pustet sie in deine Richtung. Der silberne Staub glitzert in der Dunkelheit und plötzlich stehst du mitten im Miralumiwald.
Es ist Nacht. Der Mond scheint zwischen den Zweigen hindurch und überall um dich herum funkeln kleine Lichtpunkte zwischen den Blättern. Vor dir beginnt ein schmaler Weg. Du kennst ihn vielleicht schon. Es ist Traumilos Traumweg. Heute leuchten an seinen Rändern kleine Blumen. Ihre Blüten sind geschlossen, denn auch sie schlafen längst. Nur manchmal öffnet eine von ihnen verschlafen ihre Blätter ein kleines bisschen, wenn du an ihr vorbeigehst.
Du gehst langsam weiter, Schritt für Schritt. Der Waldboden fühlt sich weich unter deinen Füßen an. Während du gehst, hörst du das leise Rascheln der Blätter über dir. Vielleicht gibt es etwas, das du dir gerade sehr wünschst. Etwas Großes oder etwas ganz Kleines. Vielleicht möchtest du etwas können, das dir bisher noch schwerfällt. Vielleicht wünschst du dir jemanden an deine Seite. Vielleicht möchtest du mutiger sein. Vielleicht möchtest du, dass etwas wieder gut wird. Oder vielleicht gibt es einen Wunsch, den du noch niemandem erzählt hast. Du musst ihn jetzt noch gar nicht kennen. Du kannst einfach weitergehen. Denn manchmal brauchen Wünsche ein bisschen Ruhe, bevor sie sich zeigen.
Nach einer Weile bemerkst du zwischen den Bäumen ein seltsames Leuchten. Erst ist es nur ein kleiner heller Schimmer. Doch je näher du kommst, desto heller wird er. Du gehst um einen großen Farn herum und bleibst staunend stehen. Vor dir wächst ein wunderschöner alter Baum. Sein Stamm ist breit und kräftig und seine Äste reichen weit in den Nachthimmel hinein. Doch es sind nicht seine Blätter, die dort oben leuchten. Auf seinen Zweigen sitzen Hunderte Schmetterlinge.
Große und kleine. Manche leuchten golden, andere schimmern silbern. Einige funkeln blau wie der Sternensee und andere rosa, violett oder grün. Ihre Flügel bewegen sich ganz langsam. Auf und zu. Auf und zu. Der ganze Baum scheint zu atmen.
Du setzt dich unter seine große Krone. Hier ist es ruhig. Ganz ruhig. Während du nach oben schaust, löst sich der erste Schmetterling von einem Ast und flattert in die Nacht hinaus. Kurz darauf folgt ein zweiter, dann ein dritter. Immer wieder steigt einer der leuchtenden Schmetterlinge zwischen den Ästen empor und fliegt hinauf zum Himmel. Du fragst dich, wohin sie wohl fliegen.
Da hörst du Traumilos Stimme. Ganz leise, fast wie ein Flüstern zwischen den Blättern. Die Schmetterlinge tragen Wünsche. Jeder von ihnen nimmt einen Wunsch mit hinaus in die Nacht.
Du schaust wieder zum Baum. Vielleicht möchtest du ihm auch einen Wunsch anvertrauen. Du musst ihn niemandem laut sagen. Dieser Wunsch gehört nur dir. Nimm dir einen Moment Zeit. Was würdest du dir wünschen, wenn du dir jetzt etwas wünschen dürftest? Vielleicht erscheint sofort ein Gedanke. Vielleicht braucht dein Wunsch ein bisschen länger. Beides ist in Ordnung.
Einer der Schmetterlinge beginnt plötzlich heller zu leuchten. Ganz langsam öffnet er seine Flügel und löst sich vom Ast. Er fliegt durch die Baumkrone, immer tiefer, bis er direkt vor dir in der Luft schwebt. Seine Flügel schlagen ganz sanft. Du hältst deine Hand hin und der Schmetterling landet darauf. Er ist federleicht. Seine kleinen Füßchen kitzeln ein bisschen auf deiner Haut und seine Flügel glitzern im Mondlicht.
Jetzt kannst du ihm deinen Wunsch erzählen. Nur in Gedanken. Ganz leise. Der Schmetterling hört dir zu. Du kannst ihm erzählen, warum dieser Wunsch für dich wichtig ist und wie es sich anfühlen würde, wenn er wahr würde. Vielleicht würdest du dich freuen. Vielleicht wärst du erleichtert oder stolz. Vielleicht würdest du lachen oder jemanden ganz fest umarmen.
Stell dir für einen kleinen Moment vor, dein Wunsch wäre schon wahr geworden. Wie fühlt sich das an? Wo kannst du dieses Gefühl in deinem Körper spüren? Vielleicht wird es warm in deinem Bauch. Vielleicht fühlt sich deine Brust ganz leicht an. Vielleicht möchtest du lächeln. Bleib einen kleinen Moment bei diesem Gefühl. Denn manchmal ist es schön, nicht nur zu wissen, was man sich wünscht, sondern auch zu spüren, warum man es sich wünscht.
Der Schmetterling bewegt seine Flügel. Einmal. Zweimal. Dann hebt er sich von deiner Hand. Doch bevor er davonfliegt, umkreist er dich noch einmal. Dabei fällt ein winziger Schimmer von seinen Flügeln auf dich herab. Ein bisschen landet auf deiner Stirn, ein bisschen auf deinem Herzen und ein bisschen auf deinem Bauch. Dort bleibt ein warmes, kleines Leuchten zurück.
Vielleicht kann niemand versprechen, dass jeder Wunsch genauso wahr wird, wie wir ihn uns vorstellen. Manche Wünsche brauchen Zeit. Manche verändern sich. Und bei manchen entdecken wir irgendwann, dass etwas ganz anderes auf uns gewartet hat. Aber wünschen darfst du immer. Denn in einem Wunsch steckt etwas ganz Besonderes: Hoffnung. Und die darfst du behalten.
Der Schmetterling fliegt nun höher. Über die Äste, über die Baumkronen und hinauf in den dunklen Nachthimmel. Du kannst sein Leuchten noch eine ganze Weile sehen. Immer kleiner wird es, bis es schließlich zwischen den Sternen verschwindet. Dein Wunsch reist nun mit ihm durch die Nacht.
Du stehst langsam auf und legst zum Abschied eine Hand auf die raue Rinde des alten Schmetterlingsbaumes. Hinter dir erscheint wieder Traumilos Traumweg. Du gehst ihn langsam zurück. Schritt für Schritt. Mit jedem Schritt wird dein Körper ein bisschen schwerer. Deine Beine dürfen sich ausruhen, deine Arme werden ganz locker und dein Gesicht entspannt sich.
Du spürst wieder dein weiches Bett unter dir, dein Kissen unter deinem Kopf und deine Decke auf deinem Körper. Irgendwo hoch über dem Miralumiwald fliegt ein kleiner leuchtender Schmetterling durch die Nacht. Mit deinem Wunsch. Vielleicht trägt er ihn nur ein Stück. Vielleicht sehr weit. Und wer weiß … vielleicht findet dein Wunsch irgendwann seinen Weg. Traumilo streut noch eine winzige Prise Traumstaub über deinen Schlaf. Jetzt darfst du loslassen. Du musst heute nichts mehr tun. Nur schlafen und träumen. Gute Nacht.
