
Die Sonne stand schon tief über dem Miralumiwald und tauchte die Lichtung vor der Großen Eiche in warmes goldenes Licht. Ein langer Tag neigte sich langsam dem Ende zu. Mira kam gerade von der Sternenwiese zurück, wo sie nach einigen jungen Pflanzen gesehen hatte, die unter der warmen Sonne besonders viel Wasser brauchten. In einer Hand trug sie einen kleinen Korb mit Beeren, die sie unterwegs gesammelt hatte.
Lumi saß währenddessen auf einem der dicken Äste der Großen Eiche und ließ die Beine in der Luft baumeln. Vor ihr schwebten drei kleine Lichtkugeln, die sie abwechselnd größer und kleiner werden ließ. Eine leuchtete golden, eine fast weiß und die dritte hatte einen zarten gelben Schimmer.

Als Mira unter ihr vorbeiflog, ließ Lumi die drei Kugeln gleichzeitig verschwinden und sprang vom Ast.
„Da bist du ja!“
Mira landete auf der Lichtung. Ihr langes braunes Haar fiel ihr normalerweise in weichen Locken über ihre Schultern, heute hatte sie ihre Haare zu einem lockeren Knoten zusammengebunden. An ihrem grünen Kleid hing noch ein winziges Blatt. Das passierte Mira ziemlich oft. Als Naturelfe verbrachte sie viel Zeit zwischen Pflanzen und Tieren. Sie bemerkte, wenn eine Blume Wasser brauchte, kannte viele Heilpflanzen des Waldes und besaß eine besondere Gabe: Durch ihre Hände konnte die grüne Kraft der Natur fließen und dort helfen, wo sie gebraucht wurde.

Lumi war ganz anders. Still irgendwo herumzusitzen gehörte nicht unbedingt zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Ihr blondes Haar leuchtete beinahe so hell wie die kleinen Lichtkugeln, die sie erschaffen konnte, und in ihren blauen Augen blitzte meistens schon die nächste Idee. Sie wollte wissen, was hinter dem nächsten Baum lag, wohin ein unbekannter Weg führte und warum Dinge so waren, wie sie waren.
„Fliegen wir noch eine Runde?“, fragte Lumi.
Mira sah zur Sonne. Bis zum Abend blieb noch etwas Zeit.
„Aber nur eine kleine.“
Lumi grinste. „Natürlich.“
Mira kannte dieses „natürlich“.
Wenig später flogen die beiden über den Miralumiwald. Unter ihnen lag die Sternenwiese im goldenen Licht des späten Nachmittags. Schmetterlinge flatterten über die letzten geöffneten Blüten, Bienen summten zwischen den Gräsern, und am Rand der Wiese entdeckten sie Nebuli. Der schwarze Traumkater lag lang ausgestreckt auf einem sonnenwarmen Stein und hatte offenbar beschlossen, dass dies ein hervorragender Ort für ein spätes Nachmittagsschläfchen war.

Lumi flog dicht über ihn hinweg.
Ein Ohr zuckte.
„Hallo, Nebuli!“
Das zweite Ohr zuckte.
Mehr geschah nicht.
Mira musste lachen. „Ich glaube, er möchte nicht gestört werden.“
Nebuli öffnete ein Auge, sah Lumi an und schloss es wieder.
Das war eindeutig genug.
Mira und Lumi flogen weiter. Sie überquerten einen kleinen Bach, folgten ein Stück dem gewundenen Waldweg und erreichten schließlich den Eulenhain. Hier fiel das Licht nur noch in schmalen goldenen Streifen zwischen den hohen Bäumen hindurch.
Die Bewohner des Eulenhains wurden gerade munter.
Eldra und Lumiro saßen auf einem kräftigen Ast und beobachteten aufmerksam eines ihrer Eulenkinder. Das Kleine stand auf einem etwas tiefer gelegenen Zweig und breitete immer wieder seine Flügel aus.
„Was macht es?“, flüsterte Lumi.
Mira lächelte. „Ich glaube, es übt.“

Tatsächlich unternahm das Eulenkind gerade seine ersten Flugversuche. Noch etwas unsicher flatterte es von einem niedrigen Ast zum nächsten, während seine Eltern aufmerksam über es wachten. Lumi feuerte das Kleine begeistert an, und als es tatsächlich sicher auf dem nächsten Ast landete, jubelte sie so laut, dass es stolz sein Gefieder aufplusterte.
Beim nächsten Versuch klappte es schon ein wenig besser.
Mira lächelte ihm ermutigend zu. „Siehst du?“
Das Eulenkind schüttelte sein Gefieder, rückte auf dem Ast ein Stück nach vorn und bereitete sich offenbar sofort auf den nächsten Flug vor.
Mira und Lumi verabschiedeten sich von Eldra und Lumiro und flogen weiter zwischen den Bäumen hindurch.
Inzwischen war die Sonne noch ein Stück tiefer gesunken. Das goldene Licht zwischen den Stämmen wurde schwächer, und die Schatten auf dem Waldboden wurden länger. Noch war es nicht dunkel, aber der Wald begann sich bereits zu verändern. Die Vögel des Tages wurden langsam ruhiger, während hier und da die ersten Tiere erwachten, die lieber in der Dämmerung unterwegs waren.
Plötzlich blieb Mira mitten im Flug stehen.
„Warte.“
Lumi hielt ebenfalls inne.
Zwischen dem Rascheln der Blätter war etwas zu hören gewesen.
Ganz leise.
Fast wie ein Wimmern.
Dann kam der Ruf noch einmal.
„Hilfe! Bitte … ich habe solche Angst!“
Mira und Lumi sahen sich an.
„Da braucht jemand unsere Hilfe“, sagte Mira.
Und diesmal mussten sie nicht lange überlegen, wohin sie fliegen sollten. Aus dem dichter werdenden Wald unter ihnen kam erneut ein leises Schluchzen.
Gemeinsam flogen sie tiefer zwischen die Bäume. Gemeinsam flogen sie tiefer zwischen die Bäume. Je weiter sie dem leisen Schluchzen folgten, desto dichter standen die Stämme beieinander. Hier drangen nur noch wenige Strahlen der tief stehenden Sonne durch das Blätterdach, und zwischen Farnen, Wurzeln und umgestürzten Ästen sammelten sich bereits die ersten dunklen Schatten.
„Hier irgendwo muss es sein“, flüsterte Lumi.
Wieder hörten sie das leise Wimmern. Lumi hob die Hände, und zwischen ihren Fingern erschien ein kleiner goldener Funke. Er wurde größer, begann warm zu leuchten und verwandelte sich schließlich in eine strahlende Lichtkugel. Sofort glitt ihr goldener Schein über den Waldboden und leuchtete in die dunklen Zwischenräume unter den Büschen.

Dann bewegte sich unter einer großen Buche ein Blätterhaufen.
Mira und Lumi flogen hinunter.
Zwischen den trockenen Blättern saß ein kleines Eichhörnchen. Es hatte seinen buschigen Schwanz eng um den Körper gelegt und sich ganz klein zusammengerollt. Sein Fell war zerzaust, sein Körper zitterte, und in seinen dunklen Augen glänzten Tränen.

Als es Mira und Lumi entdeckte, versuchte es aufzustehen. Doch kaum setzte es eine seiner Vorderpfoten auf den Boden, zog es sie mit einem schmerzhaften Laut wieder an den Körper.
„Bleib ruhig sitzen“, sagte Mira sanft. „Wir kommen zu dir.“
Das Eichhörnchen schniefte. Am Nachmittag hatte es mit seinen Geschwistern in den Baumkronen gespielt. Sie waren von Ast zu Ast gesprungen, immer schneller und immer weiter. Schließlich hatte es einen besonders großen Sprung gewagt – und den nächsten Ast verfehlt. Zum Glück hatten die weichen Blätter seinen Sturz abgefedert, doch dabei hatte es sich an der Pfote verletzt. Seine Geschwister hatten gar nicht bemerkt, dass es nicht mehr hinter ihnen war. Das Eichhörnchen hatte versucht, wieder auf den Baum zu klettern, aber seine Pfote tat viel zu weh.
Also hatte es gewartet. Zuerst war es sicher gewesen, dass gleich jemand kommen würde. Doch niemand kam. Währenddessen war die Sonne immer tiefer gesunken, die Schatten zwischen den Bäumen wurden länger und jedes Rascheln im Unterholz klang plötzlich ein bisschen unheimlicher.
„Ich dachte, mich findet niemand mehr“, flüsterte es.

Lumi setzte sich neben das kleine Tier ins Laub. Ihre Lichtkugel schwebte dicht über ihnen und begann noch etwas heller zu leuchten. Der warme goldene Schein vertrieb die Schatten unter der Buche und tauchte die Blätter um sie herum in weiches Licht.
„Aber wir haben dich gefunden“, sagte Lumi. „Und jetzt bist du nicht mehr allein.“
Das Eichhörnchen blickte erst zu ihr und dann in das warme Licht. Langsam wurde sein Atem ruhiger, und schließlich hörte auch sein Körper auf zu zittern.
Mira kniete sich auf die andere Seite. „Darf ich mir deine Pfote ansehen?“
Zögernd streckte das Eichhörnchen sie aus. Mira nahm die kleine Pfote behutsam zwischen ihre Hände und tastete vorsichtig darüber. Als das Eichhörnchen an einer Stelle zusammenzuckte, hielt sie inne. Dann schloss sie für einen Moment die Augen.
Zwischen ihren Händen erschien ein sanftes grünes Leuchten.
Das Eichhörnchen betrachtete es erstaunt. Erst spürte es nur ein leichtes Kribbeln, dann breitete sich eine angenehme Wärme in seiner Pfote aus. Das grüne Licht wurde kräftiger und floss genau dorthin, wo das Eichhörnchen sich verletzt hatte. Mira ließ sich Zeit. Sie spürte der verletzten Stelle nach und ließ die heilende Kraft des Waldes durch ihre Hände fließen, bis das Eichhörnchen seine Pfote ganz entspannt in ihren Händen liegen ließ.
Nach einer Weile wurde das grüne Leuchten schwächer und verschwand schließlich ganz.
Das Eichhörnchen betrachtete seine Pfote. Vorsichtig bewegte es erst eine kleine Zehe und dann die nächste.
„Oh.“
Lumi beugte sich neugierig vor. „Was heißt denn oh?“

Das Eichhörnchen setzte die Pfote vorsichtig auf den Boden. Erst ganz leicht. Dann verlagerte es ein wenig mehr Gewicht darauf. Es machte einen kleinen Schritt. Und noch einen.
Seine Augen wurden immer größer.
„Es tut gar nicht mehr weh!“
Bevor Mira etwas sagen konnte, hüpfte es einmal in die Luft. Dann noch einmal. Schließlich sauste es vor Freude um den dicken Stamm der Buche und blieb strahlend vor ihnen stehen.
Mira musste lachen. „Langsam! Deine Pfote war gerade noch verletzt.“
Doch das Eichhörnchen konnte seine Freude kaum zurückhalten. Es bedankte sich immer wieder und drückte erst Mira und dann Lumi mit seinen kleinen Pfoten.
Da raschelte es plötzlich hoch oben in der Baumkrone.
Ein Eichhörnchenkopf erschien zwischen den Blättern. Dann noch einer. Und noch einer.
„Da bist du ja!“

Seine Geschwister hatten inzwischen bemerkt, dass es fehlte, und waren zurückgekehrt, um nach ihm zu suchen. Aufgeregt kletterten sie den Stamm herunter. Das kleine Eichhörnchen begann sofort zu erzählen – von seinem Sturz, seiner verletzten Pfote, von Lumi und ihrer goldenen Lichtkugel und natürlich von Miras grüner Heilmagie. Dabei wurde die Geschichte mit jedem Satz ein kleines bisschen abenteuerlicher.
„Ich konnte meine Pfote überhaupt nicht mehr bewegen“, erklärte es schließlich und hielt sie dramatisch in die Luft. „Gar nicht! Und dann hat Mira sie geheilt!“
Mira hob amüsiert eine Augenbraue. Ganz so schlimm war es vielleicht nicht gewesen. Aber sie ließ das Eichhörnchen erzählen.
Gemeinsam machten sich die Geschwister auf den Weg nach oben. Das kleine Eichhörnchen kletterte diesmal deutlich vorsichtiger. Lumi ließ ihre Lichtkugel neben ihnen herschweben, und der goldene Schein wanderte am Stamm entlang von Ast zu Ast, bis alle sicher ihren Kobel erreicht hatten.
Kurz bevor das kleine Eichhörnchen darin verschwand, drehte es sich noch einmal um und winkte mit seiner wieder gesunden Pfote.

„Danke!“
Mira und Lumi winkten zurück.
Inzwischen war die Sonne vollständig hinter den Baumwipfeln verschwunden. Über dem Miralumiwald lag das tiefe Blau des Abends, und hoch über den Bäumen funkelten bereits die ersten Sterne. Lumi ließ ihre Lichtkugel wieder zu sich schweben, und gemeinsam machten sich die beiden auf den Heimweg.
Nun sah der Miralumiwald ganz anders aus als noch am Nachmittag. Zwischen den Gräsern blinkten die ersten Glühwürmchen, aus dem Eulenhain war in der Ferne ein leiser Ruf zu hören, und irgendwo am Sternensee begann ein Frosch sein Abendlied. Lumis Lichtkugel schwebte vor Mira und Lumi her und zeigte ihnen den Weg zwischen den Bäumen.
Als sie die Sternenwiese erreichten, lag Nebuli noch darauf.
Lumi blieb stehen.
„Nebuli?“
Ein silberner Kopf hob sich verschlafen.

Lumi sah zu Mira. „Glaubst du, er hat die ganze Zeit hier gelegen?“
Mira lächelte. „Bei Nebuli würde mich das nicht wundern.“
Nebuli streckte sich ausgiebig, sprang hoch und lief ohne weitere Erklärung neben ihnen her. Offenbar hatte er beschlossen, dass es nun Zeit war, ebenfalls nach Hause zu gehen.
Wenig später erschien zwischen den Bäumen die Große Eiche. Warmes Licht schimmerte aus ihren kleinen Fenstern, und ihre mächtigen Äste zeichneten sich dunkel gegen den Abendhimmel ab.

Lumi ließ ihre Lichtkugel noch einmal ein Stück höher steigen. Für einen Moment schwebte sie wie ein kleiner goldener Stern vor der Großen Eiche.
„Ich liebe es, wenn jemand wieder lächelt“, sagte sie zufrieden.
Mira dachte an das kleine Eichhörnchen, das noch vor kurzer Zeit zitternd unter der Buche gesessen hatte und nun wieder sicher bei seinen Geschwistern war.
„Ich auch.“
Nebuli sah von einer zur anderen.
„Mau.“
Lumi grinste. „Ja, Nebuli. Wir wissen. Du natürlich auch.“
Ob Nebuli das wirklich gemeint hatte, wusste niemand.
Gemeinsam verschwanden die drei in der Großen Eiche. Draußen wurde es stiller im Miralumiwald, und zwischen den Zweigen leuchteten immer mehr Sterne auf.
Ein langer Tag ging zu Ende.
Und irgendwo hoch oben in einem gemütlichen Kobel schlief ein kleines Eichhörnchen an diesem Abend ganz besonders zufrieden ein.

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