„Guten Morgen!“, gähnte Lumi verschlafen und streckte neugierig ihr Köpfchen aus ihrer kleinen Baumhöhle.
Auf einem dicken Ast ganz in der Nähe saß bereits Mira. Sie hatte die Hände um ihre Knie gelegt und blickte still über den Miralumiwald.
Als sie Lumi bemerkte, lächelte sie.
„Guten Morgen, Lumi. Komm schnell her. Du musst dir den Wald ansehen.“
Lumi flatterte zu ihr hinüber und setzte sich neben ihre beste Freundin.
Die Sonne kroch gerade langsam über die Baumwipfel. Jeder einzelne Sonnenstrahl glitzerte auf den Tautropfen, die wie winzige Diamanten an Blättern und Gräsern hingen. Überall tanzten kleine Regenbogenlichter zwischen den Ästen, als hätte der ganze Wald sein schönstes Festgewand angezogen.
Ein leichter Wind strich durch die Blätter und ließ sie leise rascheln.
„Es sieht aus, als hätte jemand den ganzen Wald mit Magie bestäubt“, flüsterte Lumi staunend.
„Das hat die Natur ganz allein geschafft“, antwortete Mira lächelnd.
Eine Weile saßen beide schweigend nebeneinander und genossen den friedlichen Morgen.
Schließlich sprang Lumi fröhlich auf.
„Heute ist viel zu schön, um den ganzen Tag hier zu sitzen! Lass uns einen Ausflug machen!“
Mira nickte.
„Aber zuerst wird gefrühstückt.“
„Genau das wollte ich auch gerade sagen!“
Lumi verschwand in ihrer Baumhöhle und kam kurz darauf mit einem kleinen Korb zurück. Darin lagen süße Waldbeeren, knackige Haselnüsse und zwei dampfende Becher Honigtee.
Gemütlich frühstückten die beiden Freundinnen, lachten über Lumis verschlafene Haare und beobachteten dabei die ersten Schmetterlinge des Tages.
Als sie satt waren, spannten sie ihre zarten Flügel aus.
„Los geht’s!“
Mit einem fröhlichen Lachen flogen sie durch die Sonnenstrahlen davon.
Ihr erster Halt war die große Lichtung, auf der sie abends so oft lagen und gemeinsam den Mond und die Sterne beobachteten.
Jetzt wirkte derselbe Ort völlig anders.
Das Gras glitzerte silbern vom Morgentau, bunte Blumen öffneten langsam ihre Blüten und überall summten Hummeln und Bienen.
Doch das Schönste spielte sich hoch oben in einer mächtigen Eiche ab.
Dort lebte eine fröhliche Eichhörnchenfamilie.
Vier kleine Eichhörnchenkinder jagten kreischend um den Stamm herum.
Mal flitzten sie kopfüber nach unten.
Dann wieder sprangen sie mit einem mutigen Satz auf den nächsten Ast.
„Ich fang dich!“, rief Luki.
„Nie im Leben!“, lachte Monki und sprang blitzschnell zur Seite.
Zoko machte einen gewaltigen Satz über alle anderen hinweg.
Und Brocki, der größte von allen, polterte lachend hinterher.
Es war ein einziges fröhliches Durcheinander.
Mira und Lumi mussten herzlich lachen.
„Schau nur!“, sagte Lumi. „Die sind ja schneller als der Wind!“
„Und sie haben mindestens genauso viel Energie“, schmunzelte Mira.
Die beiden Feen beobachteten das wilde Spiel noch eine ganze Weile.
Plötzlich erklang eine freundliche Stimme aus dem Kobel.
„Luki! Monki! Zoko! Brocki! Frühstück! Kommt sofort nach Hause!“
Mama Eichhörnchen schaute aus der runden Eingangstür ihres gemütlichen Kobels.
„Hallo, Mira! Hallo, Lumi!“
„Guten Morgen!“, riefen beide Feen gleichzeitig.
„Macht ihr heute einen Ausflug?“
„Ja“, antwortete Mira.
„Aber zuerst mussten wir unbedingt euren kleinen Wirbelwind-Zirkus anschauen.“
Mama Eichhörnchen lachte herzlich.
„Mit diesen vieren wird es wirklich niemals langweilig.“
Sie schüttelte schmunzelnd den Kopf.
„Je größer sie werden, desto mehr müssen sie toben. Dabei lernen sie alles, was sie später im Wald brauchen – klettern, springen, blitzschnell wenden und vor Gefahren fliehen.“
„Dann sind sie ja auf dem besten Weg“, meinte Mira lächelnd.
„Kommt doch herein. Ich habe frischen Beerensaft gemacht.“
„Sehr gern!“, sagte Lumi.
Gemeinsam flogen sie zum gemütlichen Kobel.
Drinnen saß Papa Eichhörnchen bereits am Frühstückstisch.
Gerade versuchte er, einen kleinen Streit zwischen Monki und Zoko zu schlichten.
„Aber sie hat angefangen!“
„Gar nicht!“
„Doch!“
Papa Eichhörnchen seufzte erleichtert, als Mama Eichhörnchen mit den beiden Feen hereinkam.
„Perfektes Timing.“
Alle mussten lachen.
Mira und Lumi setzten sich zwischen die Kinder.
Kaum hatten sie Platz genommen, begannen die kleinen Eichhörnchen neugierig zu fragen.
„Wo wohnt ihr?“
„Könnt ihr wirklich zaubern?“
„Wie schnell könnt ihr fliegen?“
„Habt ihr Angst vor Gewittern?“
„Kann ich auch mal fliegen?“
„Wie macht Lumi eigentlich ihre Lichtkugeln?“
Die Fragen sprudelten nur so heraus.
Lumi lachte.
„Eine nach der anderen!“
„Wir können nämlich schon richtig gut klettern!“, erzählte Monki stolz.
„Und springen!“, ergänzte Luki.
„Und Haken schlagen!“, rief Zoko.
„Und besonders gut essen!“, grinste Brocki und biss in seine fünfte Nuss.
Alle lachten.
Es wurde ein fröhliches, lebhaftes Frühstück.
Nachdem alle satt waren, schickte Mama Eichhörnchen ihre Kinder wieder nach draußen.
„Ihr habt eindeutig noch viel zu viel Energie!“
Kaum waren sie verschwunden, wurde es im Kobel angenehm ruhig.
Die Erwachsenen tranken gemütlich ihren Beerensaft und unterhielten sich über den Sommer, die vielen Waldbeeren und den warmen Sonnenschein.
Doch plötzlich wurde die Tür aufgerissen.
Zoko stürmte völlig außer Atem herein.
„Mama! Papa! Brocki ist verschwunden!“
Seine Stimme zitterte.
Sofort standen alle auf.
„Ganz langsam“, sagte Papa Eichhörnchen ruhig.
„Erzähl uns, was passiert ist.“
„Wir haben Verstecken gespielt. Erst dachten wir, Brocki macht nur Spaß. Aber wir haben überall gesucht. Wir haben ihn gerufen. Ganz oft!“
Zoko zeigte mit seiner kleinen Pfote bis ans andere Ende der Lichtung.
„Sogar dort hinten waren wir. Aber Brocki ist nirgends.“
Mama Eichhörnchen wurde ganz blass.
„Das passt gar nicht zu ihm.“
„Wir helfen euch suchen“, sagte Mira ohne zu zögern.
„Natürlich!“, nickte Lumi.
Wenig später suchten alle gemeinsam den Wald ab.
Sie blickten unter Farne, zwischen Büsche, hinter Baumstümpfe und in dichtes Gras.
„Vielleicht hat Meister Uhu ihn geholt“, flüsterte Luki ängstlich.
Papa Eichhörnchen schüttelte den Kopf.
„Nein. Uhus jagen nachts. Und Brocki ist inzwischen viel zu groß für ihn.“
„Vielleicht war der Fuchs hier“, meinte Monki leise.
„Auch das glaube ich nicht“, sagte Mama Eichhörnchen.
„Der Fuchs schleicht zwar manchmal durch den Wald, aber heute Morgen habe ich keine Spur von ihm gesehen.“
Trotzdem beschlossen Mira und Lumi, zuerst Meister Uhu zu fragen.
Sie fanden ihn hoch oben in einer alten Buche.
Sein Kopf steckte tief unter seinem Flügel.
„Entschuldigung?“, flüsterte Mira vorsichtig.
Der Uhu hob langsam den Kopf und blinzelte verschlafen.
„Oh … Mira … Lumi … Was gibt es denn?“
„Wir suchen Brocki.“
Der Uhu dachte nach.
„Ich bin gerade erst von meiner nächtlichen Jagd zurückgekehrt und habe sofort geschlafen. Leider habe ich nichts gesehen.“
Dann nickte er langsam.
„Aber der Specht ist schon den ganzen Morgen unterwegs. Der entgeht fast nichts.“
„Vielen Dank! Und entschuldige bitte, dass wir dich geweckt haben.“
„Schon gut“, murmelte der Uhu gähnend und kuschelte sich wieder in sein Gefieder.
Kaum waren die Feen weitergeflogen, hörten sie ein vertrautes Geräusch.
Tack! Tack! Tack!
Tack-tack-tack!
„Da ist Herr Specht!“, rief Lumi.
Der Specht hämmerte gerade fleißig an einem alten Baum.
„Guten Morgen, ihr zwei!“
„Hallo, Herr Specht“, sagte Mira.
„Wir suchen Brocki. Hast du ihn gesehen?“
Der Specht legte den Kopf schief.
„Die Eichhörnchenkinder habe ich heute Morgen noch alle herumtoben sehen.“
Er dachte einen Moment nach.
„Aber hier oben in den Bäumen ist Brocki ganz bestimmt nicht mehr.“
„Wo sollen wir suchen?“, fragte Lumi.
Der Specht zeigte mit seinem Schnabel hinunter auf den Waldboden.
„Schaut lieber dort unten nach.“
Dann lächelte er.
„Fragt doch einmal Frau Maus. Sie kennt jeden Winkel des Waldes.“
Mira und Lumi sahen sich an.
Vielleicht war das genau die Spur, auf die sie gehofft hatten …
Mira und Lumi bedankten sich bei Herrn Specht und flogen gemeinsam hinunter zum Waldboden.
Zwischen den Wurzeln einer alten Buche entdeckten sie ein kleines Mäuseloch.
„Frau Maus?“, rief Mira vorsichtig.
Einen Moment blieb alles still.
Dann erschien ein winziges Näschen.
Kurz darauf lugten zwei glänzende Knopfaugen aus dem Eingang.
„Ach, Mira und Lumi! Wie schön, euch zu sehen. Was führt euch denn zu mir?“
„Wir suchen Brocki“, erklärte Lumi. „Die Eichhörnchenfamilie macht sich große Sorgen.“
Frau Maus legte nachdenklich den Kopf schief.
„Hm … Brocki …“
Sie überlegte einen Augenblick.
„Ich habe heute Morgen etwas gehört.“
„Was denn?“, fragte Mira.
„Ein lautes Poltern … dann Rascheln … und anschließend war alles wieder ganz still. Es kam von den Brombeersträuchern hinter den großen Farnen.“
„Vielen Dank!“
Sofort machten sich Mira und Lumi auf den Weg.
Die Brombeerbüsche waren dicht und voller langer, stacheliger Ranken.
„Brocki!“, rief Mira.
„Brockiiiii!“, rief Lumi.
Zunächst antwortete niemand.
Doch plötzlich hörten sie ein ganz leises:
„Hiiilfe …“
Die beiden Feen sahen sich erschrocken an.
„Hab ich das auch gehört?“, flüsterte Lumi.
„Ja! Noch einmal!“
„Brocki! Wo bist du?“
„Hier … ich komme nicht raus …“
Vorsichtig schoben Mira und Lumi die Brombeerzweige auseinander.
Und da entdeckten sie Brocki.
Er saß mitten zwischen den dichten Ranken fest.
Sein buschiger Schwanz hatte sich mehrmals um die langen Dornen gewickelt.
Je mehr er versucht hatte, sich zu befreien, desto fester hatte er sich verheddert.
Seine Augen waren voller Tränen.
„Ich wollte nur dem wunderschönen blauen Schmetterling hinterher …“
„Und dann?“, fragte Mira sanft.
„Dann bin ich zwischen die Brombeeren gesprungen. Erst dachte ich, ich komme gleich wieder heraus. Aber alles wurde nur immer schlimmer.“
Mira lächelte beruhigend.
„Keine Sorge. Jetzt sind wir ja da.“
Sie legte vorsichtig ihre Hände auf die Brombeerranken.
Ein sanftes grünes Leuchten floss aus ihren Händen.
Wie von selbst wurden die Zweige weicher und bogen sich langsam auseinander, ohne ihre Dornen zu verlieren.
„Jetzt ganz vorsichtig“, sagte Mira.
Brocki zog erst eine Pfote heraus.
Dann die zweite.
Schließlich befreite er seinen buschigen Schwanz.
Mit einem großen Hüpfer sprang er den Feen direkt in die Arme.
„Danke!“
Lumi musste lachen.
„Du hast uns vielleicht einen Schrecken eingejagt!“
„Es tut mir leid“, murmelte Brocki kleinlaut.
„Ich wollte den Schmetterling unbedingt noch einmal sehen.“
Gemeinsam gingen sie zurück zur Lichtung.
Schon von Weitem hörten sie aufgeregte Stimmen.
„Da sind sie!“
Mama Eichhörnchen rannte sofort los und schloss Brocki fest in ihre Arme.
Papa Eichhörnchen atmete hörbar auf.
Auch Luki, Monki und Zoko hüpften vor Freude um ihren Bruder herum.
„Wir haben uns solche Sorgen gemacht!“
„Es tut mir leid“, sagte Brocki leise.
„Ich habe gar nicht gemerkt, wie weit ich gelaufen bin.“
Papa Eichhörnchen legte ihm liebevoll eine Pfote auf die Schulter.
„Neugierig zu sein ist etwas Wunderbares.“
Er lächelte.
„So lernen wir jeden Tag Neues kennen.“
Dann wurde seine Stimme etwas ernster.
„Aber wer alleine loszieht, sollte immer darauf achten, den Weg zurückzufinden oder jemandem Bescheid zu sagen.“
Brocki nickte.
„Das mache ich ab jetzt.“
Lumi zwinkerte ihm zu.
„Und wenn du wieder einem Schmetterling hinterherfliegst …“
„… dann nimm wenigstens einen Bruder oder eine Schwester mit!“, ergänzte Mira lachend.
Alle mussten lachen.
Mama Eichhörnchen holte einen großen Krug ihres leckeren Beerensaftes hervor.
„So eine erfolgreiche Suchaktion muss gefeiert werden!“
Während alle gemeinsam tranken, färbte die Nachmittagssonne den Miralumiwald in goldenes Licht.
Die Blätter rauschten leise im Wind.
Ein Rotkehlchen begann zu singen.
Und hoch über ihnen flatterte derselbe blaue Schmetterling noch einmal vorbei.
Brocki schaute ihm lächelnd hinterher.
Diesmal blieb er jedoch ganz ruhig neben seiner Familie sitzen.
Er wusste jetzt, dass das größte Abenteuer nur dann richtig schön ist, wenn am Ende alle wieder gemeinsam nach Hause finden.
Und so wurde aus einem aufregenden Morgen ein wunderschöner Tag voller Dankbarkeit, Freundschaft und Geborgenheit – einer jener Tage, an die sich im Miralumiwald noch lange alle Tiere gern erinnerten.
Neugier ist ein wunderbares Geschenk. Doch noch schöner ist es, Abenteuer gemeinsam zu erleben und aufeinander achtzugeben.
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