Teil 2 – Pieps’ Geheimnis
In der Nacht änderte sich das Wetter. Dicke, dunkle Wolken schoben sich über den Miralumiwald. Der Wind wurde stärker und fuhr rauschend durch die Baumkronen.
Am Morgen prasselte Regen auf die Blätter. Die alte Eiche ächzte und knarrte. Rami und Rudi hatten ihre vier Kinder eng zwischen sich genommen.
„Ganz schön ungemütlich“, murmelte Ludwig.
Ein heftiger Windstoß rüttelte an den Zweigen. Knirps duckte sich.
„Ich finde es gemütlich.“ „Du hast gerade gezuckt“, sagte Mats. „Hab ich gar nicht.“ „Hast du wohl.“ „Das war Absicht.“
Mats grinste. Selbst Pieps musste lachen. Den ganzen Tag blieb die Familie dicht zusammen.
Erst am nächsten Morgen hatte sich das Gewitter verzogen. Einzelne Tropfen hingen noch an den Blättern, und die Zweige schwankten im Wind, doch zwischen den Wolken zeigte sich bereits wieder etwas Licht.
„Wir müssen Futter suchen“, sagte Rudi. „Ihr bleibt hier“, ergänzte Rami. „Nach dem Sturm können Äste beschädigt sein, und überall liegt nasses, loses Geäst.“
Mats verzog das Gesicht. „Wir können doch schon fliegen.“ „Ihr bleibt hier“, wiederholte Rudi. Damit war die Sache eigentlich geklärt.
Eigentlich. Rami und Rudi flogen los. Sie kamen zurück, brachten Würmer, Käfer und Larven, flogen wieder los und kamen erneut.
Mats beobachtete das eine Weile. Dann schüttelte er den Kopf. „Ach Quatsch.“ Ludwig sah ihn an. „Was?“
„Ich hole mein Essen selber. Dann müssen Mama und Papa nicht so viel fliegen.“ „Sie haben gesagt, wir sollen hierbleiben.“
Mats plusterte sich auf. „Ich kann fliegen.“ „Darum geht es doch gar nicht“, sagte Ludwig.
Aber Mats stand bereits auf dem Nestrand. „Kommt jemand mit?“ Knirps schüttelte den Kopf. Ludwig ebenfalls. Mats sah Pieps gar nicht erst an.
„Na schön. Mehr für mich.“ Er breitete seine Flügel aus. Und schwupps – war er weg.
Ludwig und Knirps machten sich über das Futter her, das Rami und Rudi gebracht hatten. Bald wurden sie schläfrig und steckten müde ihre Köpfe unter die Flügel.
Nur Pieps blieb wach. Er schaute Mats hinterher. Wie sicher sein Bruder flog. Wie selbstverständlich.
Mats flog zwischen den beiden Erlen hindurch. Dann am roten Ahorn vorbei. Pieps konnte ihn noch kurz zwischen den Zweigen erkennen. Dann bog Mats rechts ab.
Und verschwand. Pieps seufzte. Ach, wenn er doch auch so wäre. Einfach losfliegen. Nicht nachdenken. Keine Angst haben.
Er hatte Mats so aufmerksam hinterhergesehen, dass er gar nicht bemerkte, wie weit er selbst dabei nach vorne gehüpft war.
„Hallo, Pieps!“ Pieps schreckte auf. Mira schwebte zwischen den Zweigen auf ihn zu. Sie lächelte und winkte. „Hallo, Mira.“
Sie landete auf einem Ast neben dem Nest. „Was stehst du denn so weit vorne?“ Pieps blickte nach unten. Sein Herz machte einen Satz.
Er stand tatsächlich fast am Nestrand! Schnell hüpfte er zurück. „Ich habe nur Mats hinterhergeschaut.“ „Mats?“ „Mein Bruder. Er wollte Futter suchen.“
Mira schaute in die Richtung, in die Mats verschwunden war. „Dann habt ihr inzwischen also eure Flugstunden gehabt?“
Pieps sah auf seine Füße. „Ja.“ „Und du wolltest nicht mit?“„Nein.“ Mira wartete. „Ich hatte keine Lust“, fügte Pieps hinzu.
Mira sah ihn ruhig an. Nicht streng. Nicht bohrend. Einfach nur aufmerksam. „So?“
Pieps schaute wieder auf seine Füße. Er mochte Mira. Und plötzlich war da dieser Wunsch, endlich jemandem zu erzählen, was in ihm vorging.
Seine Brüder schliefen. Mama und Papa waren nicht da. Pieps hob langsam den Kopf. „Mira?“ „Ja?“ „Kann ich dir ein Geheimnis verraten?“
Mira setzte sich zu ihm. „Natürlich. Ich höre dir gerne zu.“ Pieps holte tief Luft. „Mein Flügel tut gar nicht weh.“
Jetzt war es heraus. Nur dieser eine Satz. Und trotzdem klopfte sein Herz heftig. Mira sagte nichts. Also erzählte Pieps weiter.
Er erzählte von der ersten Flugstunde. Vom kleinen Ast, den er noch geschafft hatte. Vom weit entfernten Baum. Von dem Moment, als er nach unten gesehen hatte.
„Es war so hoch“, flüsterte er. „Und plötzlich dachte ich, meine Flügel tragen mich vielleicht gar nicht.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Und wenn ich falle? Dann kann ich mich verletzen. Oder ich lande unten. Da gibt es Füchse und Marder und Katzen und … und …“
Er schluckte. „Und Mats hätte bestimmt gelacht, wenn ich es nicht geschafft hätte.“ Mira hörte einfach zu.
„Und Mama und Papa waren so stolz auf uns“, fuhr Pieps fort. „Ich wollte nicht, dass sie denken, ich wäre kein richtiger Vogel.“
Jetzt brannten seine Augen. „Also habe ich gesagt, mein Flügel tut weh.“ Er schaute beschämt weg.
„Und dann wusste ich am nächsten Tag nicht mehr, wie ich sagen sollte, dass das gar nicht stimmt. Und am übernächsten auch nicht.“
Seine Stimme zitterte. „Und jetzt habe ich noch viel mehr Angst als vorher.“
Pieps schwieg. Zum ersten Mal seit Tagen war alles ausgesprochen.
Die Angst. Die Scham. Die Lüge. Der Kummer.
Und plötzlich fühlte sich sein Kopf nicht mehr ganz so voll an.
Mira rückte näher. „Ach, Pieps“, sagte sie sanft. „Da hast du aber ganz schön viel mit dir herumgetragen.“
Mehr brauchte es nicht.
Plötzlich liefen Pieps die Tränen über das Gesicht. Er versuchte noch, sie wegzublinzeln. Aber es ging nicht.
Mira nahm ihn in den Arm. Pieps schluchzte. All die Tränen, die er tagelang zurückgehalten hatte, durften endlich heraus.
Mira hielt ihn einfach fest. Ganz lange.
Bis Pieps‘ Atem wieder ruhiger wurde. Bis sein Schluchzen leiser wurde. Bis nur noch eine letzte Träne über seine Wange rollte.
„Geht es wieder?“, fragte Mira.
Pieps nickte. „Mmmh.“
Er wischte sich über die Augen. Dann schaute er auf.
Und erstarrte. Hinter Mira standen Rami und Rudi.
Pieps‘ Herz rutschte ihm in den Bauch. Sie hatten alles gehört. Er drehte sich beschämt weg.
Jetzt würden sie enttäuscht sein. Vielleicht sogar wütend.
Da spürte er plötzlich etwas Weiches an seiner rechten Seite. Ramis Flügel.
Dann etwas Warmes an seiner linken. Rudis Flügel.
Seine Eltern rückten ganz dicht an ihn heran und hüllten ihn von beiden Seiten ein. Pieps saß mitten zwischen ihnen.
Warm. Geschützt. Geborgen.
Die Anspannung in seinem Körper wurde langsam weicher.
„Was … was habt ihr gehört?“, fragte er verzagt.
Rami strich ihm sanft über die Wange. „Wir kamen kurz nach Mira zurück. Wir wollten euch nicht stören.“
Pieps schluckte. „Also … alles?“ Rudi nickte. „Ziemlich alles.“
Pieps senkte den Kopf. „Seid ihr böse?“
Rudi sah ihn ernst, aber liebevoll an. „Wir hätten uns gewünscht, dass du uns gleich die Wahrheit sagst.“
Pieps‘ Kopf sank noch tiefer. Da strich Rami ihm sanft über die Federn. „Aber weißt du, was uns viel trauriger macht? Dass du geglaubt hast, du müsstest mit deiner Angst ganz alleine bleiben.“
Hinter ihnen raschelte es. Ludwig und Knirps waren aufgewacht.
Pieps erschrak. „Ihr habt es auch gehört?“
Ludwig nickte. „Ein bisschen.“
Pieps wartete.
Keiner lachte. Knirps scharrte mit einer Kralle über den Nestrand. „Ich hatte auch Angst.“
Pieps sah ihn erstaunt an. „Du?“ „Ja.“ Knirps plusterte sich auf. „Also … nicht sooo viel.“
Dann ließ er die Federn wieder sinken. „Na gut. Ziemlich viel.“
Ludwig grinste.
Knirps warf ihm einen warnenden Blick zu. „Ich wollte bloß nichts sagen. Weil ich sowieso immer der Kleinste bin. Wenn ich dann auch noch Angst gehabt hätte …“
„Du hattest Angst“, sagte Ludwig. „Ja, danke, Ludwig.“
Rami lächelte. „Jeder geht anders mit neuen Dingen um. Mats denkt meistens gar nicht lange darüber nach und probiert es einfach aus.“
Rudi schmunzelte. „Manchmal wäre ein kleines bisschen Nachdenken bei Mats allerdings durchaus hilfreich.“
„Knirps hatte Angst und wollte trotzdem losfliegen“, fuhr Rami fort. „Ludwig hat erst beobachtet und dann ausprobiert. Und du brauchst eben mehr Zeit.“
Pieps sah seine Mutter an. „Ist das schlimm?“ „Nein“, sagte sie. „Aber Angst wird manchmal größer, wenn man sie ganz alleine versteckt.“
Pieps dachte darüber nach. Das stimmte. Seine Angst war tatsächlich jeden Tag größer geworden.
Rudi sah sich plötzlich um. „Apropos Mats …“
Alle schwiegen.
Rami runzelte die Stirn. „Wo ist Mats eigentlich?“ Pieps richtete sich auf. Mats!
„Der ist Futter suchen gegangen“, sagte Ludwig. Ramis Augen wurden groß. „Alleine?“
Knirps nickte. „Er meinte, dann müsst ihr nicht so viel fliegen.“ Rudi trat an den Nestrand. „Wann war das?“
„Schon eine ganze Weile her“, sagte Pieps besorgt. Rami schaute in den Wald. „Wisst ihr, wohin er geflogen ist?“
Ludwig schüttelte den Kopf. Knirps ebenfalls. „Ich weiß es!“ Alle drehten sich zu Pieps.
„Er ist zwischen den beiden Erlen hindurch. Dann am roten Ahorn vorbei. Danach ist er rechts abgebogen. Da konnte ich ihn nicht mehr sehen.“
Rudi blickte überrascht zu ihm. „Du weißt das noch so genau?“ Pieps nickte. „Ich habe ihm hinterhergeschaut.“
Rami strich ihm liebevoll über die Wange. „Das hilft uns sehr. Gut, dass du so aufmerksam warst.“ Pieps spürte wieder dieses warme Gefühl in seiner Brust.
Vor einer Stunde hatte er sich noch nutzlos gefühlt. Jetzt wusste ausgerechnet er etwas, das den anderen helfen konnte.
„Ich hole Lumi“, sagte Mira. Flugs war sie verschwunden.
Kurz darauf kam sie gemeinsam mit ihrer Schwester zurück. Unterwegs hatten sie Nebuli getroffen, der gerade auf seiner Sternenwiese herumgestreift war.
„Wir suchen einen jungen Vogel“, hatte Mira erklärt. „Hilfst du uns?“ Nebuli hatte die Ohren aufgestellt.
„Mrrr!“ Natürlich half er.
Rami, Rudi, Mira und Lumi flogen los. Nebuli rannte unter ihnen über den noch feuchten Waldboden.
Zwischen den Erlen hindurch. Am roten Ahorn vorbei. Dann nach rechts.
Sie suchten in den Bäumen. Zwischen den Zweigen. Unter den Büschen.
Nebuli blieb plötzlich stehen. Seine Ohren zuckten. „Mrrr?“
Alle wurden still.
Da war etwas. Ganz leise.
„Piep!“
Rami schoss in die Richtung. „Mats!“
„Hier!“ Sie folgten der Stimme. Und dann sahen sie ihn.
Mats hing kopfüber in einem Brombeergebüsch.
Eine dornige Ranke hatte sich um seinen Flügel gewickelt. Kleine Zweige steckten in seinen Federn, und an seinem Bauch waren mehrere rote Kratzer.
„Nicht lachen“, murmelte Mats.
Rudi sah ihn an. „Danach ist mir gerade wirklich nicht.“
„Die Brombeeren waren so lecker“, erklärte Mats kleinlaut. „Und dann bin ich immer weiter reingehüpft.“
Er bewegte sich ein kleines bisschen. „Aua!“
„Bleib ruhig“, sagte Mira. Sie legte ihre Hände an die dornigen Ranken. Sanftes grünes Licht floss über die Zweige.
Die harten Dornen wurden weich. Aus den stacheligen Ranken wuchsen biegsame, zarte Blütenstängel.
Lumi schwebte vorsichtig heran. „Jetzt hab ich dich.“
Behutsam löste sie Mats aus dem Gewirr. Endlich stand er wieder auf seinen Füßen.
Seine Beine zitterten ein wenig. „Ich dachte schon …“ Mats brach ab.
„Was?“, fragte Rami. „Nichts.“ Rudi sah seinen Sohn an. Mats blickte zu Boden.
„Na gut. Ich hatte Angst.“ Rami zog ihn kurz an sich. „Das glaube ich dir.“
Mira legte ihre Hände über die kleinen Kratzer an seinem Bauch. Warmes grünes Licht schimmerte auf seiner Haut, und das Brennen ließ langsam nach.
„Das war wohl nicht so clever“, murmelte Mats. „Nein“, sagte Rudi. „Das war es tatsächlich nicht.“
Dann fügte er hinzu: „Und wenn Pieps nicht so genau beobachtet hätte, wohin du geflogen bist, hätten wir dich vermutlich sehr viel länger gesucht.“
Mats hob den Kopf. „Pieps?“
Als sie wenig später zur alten Eiche zurückkehrten, standen Pieps, Ludwig und Knirps bereits erwartungsvoll am Nestrand.
Mats flog zwischen seinen Eltern. Kaum war er gelandet, lief er zu Pieps. „Mensch, Pieps!“
Er legte die Flügel um seinen Bruder. „Danke!“ Pieps blinzelte. „Wofür?“
„Na, weil du wusstest, wo ich war! Sonst hätte ich da vielleicht noch ewig gehangen.“
„Ich habe doch nur hingeschaut.“ Mats schüttelte den Kopf. „Ja. Aber richtig.“ Pieps lächelte.
Natürlich dauerte es nicht lange, bis Mats sich von seinem Schrecken erholt hatte.
Schon bald erzählte er seinen Brüdern ausführlich, wie viele Brombeeren er gegessen hatte, wie gefährlich die Dornen gewesen waren und wie unglaublich spannend seine Rettung verlaufen war. Dass er selbst ziemlich große Angst gehabt hatte, als er kopfüber im Gebüsch hing, erwähnte er nur noch am Rande.
Pieps sagte nichts. Aber er wusste es jetzt. Auch Mats hatte manchmal Angst.
Am nächsten Morgen war der Miralumiwald still und klar.
Die Sonne schien durch die Blätter der alten Eiche, und überall glitzerten noch kleine Regentropfen.
Pieps saß am Nestrand. Rami setzte sich neben ihn.
Sie sagte nichts.
Pieps betrachtete den Ast direkt vor dem Nest. Sein Bauch kribbelte. Die Angst war noch da.
Natürlich war sie noch da. Aber heute fühlte sie sich ein kleines bisschen anders an.
Nicht mehr so riesig. Nicht mehr so einsam.
„Mama?“ „Ja?“ Pieps zeigte auf den nächsten Ast.
„Vielleicht … nur bis dahin.“ Rami lächelte. „Nur bis dahin.“
„Und du bleibst hier?“ „Ich bleibe hier.“
Pieps atmete tief ein. Er breitete seine Flügel aus. Sein Herz klopfte.
Er sah nicht nach unten. Er sah nur den Ast an. Dann sprang er.
Flatter. Flatter. Flatter. Seine Füße berührten die Rinde. Seine Krallen schlossen sich darum.
Pieps saß auf dem Ast.
Für einen Moment sagte niemand etwas.
Dann hörte er Mats. „PIEPS!“
Pieps drehte sich um. Seine ganze Familie stand am Nestrand.
Mats jubelte. Knirps hüpfte aufgeregt auf und ab.
Ludwig begann eine kleine Siegesmelodie zu singen.
Pieps musste lachen.
„Ich bin doch nur bis zum nächsten Ast geflogen!“
Rudi lächelte. „Genau bis zu dem Ast, zu dem du heute fliegen wolltest.“
Am nächsten Tag flog Pieps wieder dorthin. Dann zu einem zweiten Ast. Ein paar Tage später zu einem dritten.
Irgendwann flog er bis zu den Erlen. Später zum roten Ahorn.
Und viele Wochen danach sauste Pieps mit seinen Brüdern durch die Baumkronen des Miralumiwaldes.
Er war nicht der Erste gewesen, der fliegen gelernt hatte.
Er war auch nicht der Schnellste gewesen.
Doch Pieps hatte sehr genau gelernt, den Wind zu spüren, seine Flügel einzusetzen und aufmerksam auf seine Umgebung zu achten.
Und so wurde ausgerechnet Pieps mit der Zeit ein besonders geschickter und sicherer Flieger.
Manchmal, wenn er später einen jungen Vogel am Rand eines Nestes sitzen sah, der sich nicht hinuntertraute, setzte Pieps sich einfach daneben.
Er sagte nie:
„Du brauchst doch keine Angst zu haben.“
Und er sagte auch nicht:
„Du musst dich nur trauen.“
Meistens fragte er nur:
„Welcher Ast wäre denn heute nah genug?“
Denn Pieps wusste inzwischen etwas, das er an seinem ersten Flugtag noch nicht gewusst hatte:
Manchmal wächst Mut einfach –
von Ast zu Ast.
